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Donnerstag, 25. August 2016

Leben

Das Konto leer, die Feste lang
jeder Tag im Schnelldurchgang
denn auf die Nacht, auf die kommt's an.

Von Praktikum zu Praktikum
trägst du Kaffeetassen rum
und fühlst dich dabei ach so dumm.

Früher war da mal ein Traum,
jetzt bist du dabei, es zu versau'n
Absprung hat nicht hingehau'n.

Bass dröhnt, wackelnde Wände
so feierst du dein "Wochenende"
dein Leben gleitet dir durch die Hände.

Vater bekommt Sorgenfalten
was ist das für ein Verhalten!
würd' sie doch ihr Hirn einschalten

Ob die Tochter macht und mag,
was ihr Vater ihr gesagt
der selbst doch über Burnout klagt?

Ist nicht des Menschen höchstes Ziel
Freude, Muße, Spaß und Spiel
war's nicht das, was mal gefiel?

War nicht Freiheit, was wir wollten?
Wer sagt, dass wir studieren sollten?
Um Karriere und Geld zu machen
und zu klagen statt zu lachen
statt zu schlafen nachts aufwachen
durch den Kopf geh'n tausend Sachen

Man wollte es mal "zu was bringen"
den Chefsessel allein erringen
wenn's irgendwann soweit ist
ist's nicht Freiheit, die man vermisst?
Sind's nicht Stunden, die man "verschwendet",
in denen man anfängt und nicht beendet,
in denen man tanzt und schwebt und singt
und es vielleicht "zu gar nichts bringt",
in denen wir leben und nicht nur da sind,
sie sind so rar, sie weichen geschwind,
holen wir sie uns doch wieder
wir sind Tänzer und nicht Krieger.





Montag, 22. August 2016

Magie und Schnapsleichen


Bolivia on my mind - or not? So viele Jammer- und Schwarzsehereien meine Umgebung  vor meiner Rueckkehr nach Bierland ertragen musste, so wenige dieser Befuerchtungen haben sich erfuellt: Ich habe anscheinend (ja, das ist auch mir ein Raetsel) einen Studienplatz erwischt, langweile mich bisher nicht zu Tode und vielleicht, ganz vielleicht ist Deutschland doch nicht ganz so spiessbuergerlich und es gibt scheinbar Menschen, die auch nach zehn Uhr wach sind. Wie meine Mitfreiwillige Eva das Heimkehren beschrieb: Man lebte hier zwanzig Jahre lang, wieso sollte das auf einmal unmoeglich sein? Ja, es ist moeglich, und es ist ganz schoen dufte. Sicherlich laufen hier viele Dinge schief, aber dann gibt es noch die, die rund laufen, so rund, dass man das Gefuehl hat, zu schweben.
Irgendwas lauft, duest oder rollt jedenfalls immer in Berlin, diesem Mosaik aus Millionen verschiedenen Leben, die man im Rest Deutschlands als zu verschieden und unvereinbar abtut.
Berlin ist ein wunderbarer Ort zum Vergessen, Vermeiden, Aufhoeren und Neu Anfangen. Um sich selbst zu finden oder mal jemand ganz anderes zu sein. Man kommt hierher ohne Vorgeschichte, wird resetted auf Werkseinstellungen. Ein Leben davor und eines danach? Bedeutungslos. Alles auf Anfang, Eingangsszene, Klappe und los.
Mauerpark - Flohmarkt, Musiker und Karaoke am Sonntagnachmittag

Man kann untergehen in diesem Strudel aus Strassen, Gebaeuden und Menschen oder man treibt obenauf, ziellos und leicht wie ein Zweig, den der Wind hinab auf die Wasseroberflaeche geweht hat. Hier muss man nicht gesund leben, einen wasserdichten Karriereplan vorweisen koennen oder seine Sexualitaet definieren. Den eigenen Lifestyle modelliert man oder laesst ihn modellieren und vielleicht traegt man morgen barfuss Hanfhosen statt skinny Jeans und Nikes. Man kann und darf alles und muss nichts.
Wenn alles moeglich ist, alles dagewesen und im Kommen, wie kann man sich irgendetwas sicher sein? Wie weiss man, ob morgen nicht alles anders ist, und zwar auf die uncoole Art? Freunde weg, Geld weg, Wohnung gekuendigt? Wenn man immer weiter laeuft, wo kommt man an? Will man sein Leben lang suchen, ausprobieren und die Nase in alles stecken (oder alles in die Nase stecken)? Was feiert man, wenn man nichts tut, ausser zu feiern? Ist ein neonfarbener Jumpsuit noch extravagant, wenn alle in Klamotten aus vergangenen Jahrhunderten und der Mottenkiste rumrennen?
Berlin ist ein Spielplatz fuer Erwachsene. Ob man nun high werden oder down kommen moechte. Oder vielleicht nicht fuer Erwachsene, wie man sie sich ueblicherweise vorstellt, mit fester Arbeit und Aktentasche unter dem Arm. Wenn ich mir Berlin als eine Person vorstelle, dann staende die Kippe rauchend an einem Schnellimbiss, truege eine doedelige Muetze und wuerde Fremde mit einem ironischen 'Komm se nur alle rin die Herrschafdn' begruessen.
Berlin - wo man nie allein und irgendwie doch einsam ist.

Sonntag, 7. August 2016

Von schwierig zu beantwortenden Fragen oder: Halt mal kurz, wer bin ich?

Lust auf einen richtig schön klischeehaften Standardsatz aus der Kiste der wie einen Kaugummi breitgetretenen Phrasen? Ja? Festhalten, hier kommt er.

Ich hasse Abschiede.

Hat noch keiner vor mir ausgesprochen, oder?
So schwer ich es mir oft selbst gemacht habe, so leicht fiel es mir immer, dieses Land zu lieben. Bevor ich hier aufschlug, war mein Verhältnis zu Kindern etwa so innig wie zu Küchenschaben. Mittlerweile glaube ich, dass ein paar Flausen im Kopf manchmal nicht schaden können. Die putzigen Knirpse und ihre irrwitzigen Aussagen haben mich mehr als einmal amüsiert: Da ist Hühnchen ein Gemüse und die Pecadores (Sünder) im Vater unser werden kurzerhand zu pescadores (Fischern) umfunktioniert. Wie wunderbar ist doch die Welt eines Kindes. Warum ich nach Alemania zurück muss, verstehen sie nicht. Ich jedoch auch nicht.
Wie die Hermana feststellte: Man kommt und hat keinen Schimmer von Sprache, Arbeitsabläufen oder was ein rompecabeza ist(wörtlich übersetzt: Kopfzerstörer, ich hielt es für ein Folterinstrument, ist eigentlich ein Puzzle). Hat man sich das alles mühsam angeeignet, macht man die Fliege und hinterlässt einem anderen unwissenden Grünschnabel das Feld. So, als ob die Zeit in Bolivien nur eine Werbeunterbrechung in einem sonst aalglatten deutschen Lebenslauf sei.
Alles in diesem Jahr hat ein Ablaufdatum: Hobbies, Essgewohnheiten und ... Freundschaften. Oft stellte sich mir eine deprimierende Frage: Warum beginnt man überhaupt etwas, wenn von Anfang an klar ist, dass man es irgendwann- von einem Moment auf den anderen- für mit hoher Wahrscheinlichkeit immer lässt? Vielleicht machen das viele Menschen in meinem Alter, in dem man seinen Platz im Gefüge noch nicht ganz gefunden hat und "halt mal ein bisschen rumprobiert". Aber was, wenn man bei diesem die-Fühler-Ausstrecken auf etwas gestoßen ist, das für einen vielleicht auch über das Mindesthaltbarkeitsdatum hinaus einen Platz in seinem Leben hat? Was man vielleicht gerne in wasserdichte Folie einpacken und nach Deutschland überschiffen möchte? Was aber keinen Platz hat im kalten Deutschland, im ordentlichen Kleiderschrank aus deutscher Buche, in einem Leben, das dem bolivianischen so fern ist wie Reutlingen Santa Cruz? Dann, meine Freunde, sitzt man irritiert da, und versucht, aus diesen zwei so verschiedenen Leben das herauszufiltrieren, was man leichtläufig die eigene Persönlichkeit nennt. In einem Zimmer, das in einem Jahr Abwesenheit von einer dünnen Schicht Staub bedeckt wurde. Unter Menschen, die keinen Schimmer haben, was ein rompecabeza ist.

Hey ho, let's go!

Wer aufmerksam meine Aufzeichnungen studierte, weiß vielleicht, dass ich anfangs das ein oder andere Problemchen, oder nennen wir es fachdeutsch, "Anpassungsschwierigkeiten", hatte. Vielleicht war ich ein deutscher Stecker in einer bolivianischen Steckdose- ohne Adapter. Zwischendurch fiel der Strom aus, das Kabel brach oder die Steckdose war besetzt. Kurz: Es lief (oder eher floss) nicht immer.
Aber wenn ich steckte, dann fest, dann schoss der Strom so durch meine Fasern, dass sich eine Techniknulpe (höhö. Da bin natürlich nicht ich gemeint ;) ) gelegentlich mal ordentlich eine gewischt bekommen konnte. Aber Stromschläge regen ja bekanntlich die Hirnaktivität an :)
Was in den letzten Wochen passierte:

- Mellis und Wiebkes Jugendzentrum wurde neues Make-Up verpasst, und ich beschmierte mehr mich selbst als die Wände.

- Die comarapenischen Gefilde wurden von einer weiteren Schar Allemannen invadiert: Wiebkes Familie brachte ein wenig Deutschland (konkret: SCHOKOLADE!) mit in die trockenen Weiten Boliviens.

- Der Kindergarten veransteltete wieder mal ein lustiges Drehen, Hüpfen und Extremitäten-Schwingen. Ich selbst raffte leider noch weniger von der Bewegungsabfolge der gimnasia (rythmische Sportgymnastik) als meine bambini. So stand ich in meinem knallorangenen Gymnastikanzügchen eigentlich nur irritiert in der Landschaft herum.


- Wohl verursacht durch einen kurzzeitigen Aussetzer oben erwähnter Gehirnaktivität beschloss ich vor ein paar Wochen, ein 14-Kilometer-Lauf sei doch eine super neue Herausforderung und keine völlig bekloppte,  durch röstende Sonne führende Tortur. Auf dem letzten Loch pfeifend schob ich mich in Comarapa ins Ziel und landete in meiner Kategorie auf dem vierten Platz. Von fünf Teilnehmerinnen.


- Mein Abschied wurde viermal zum Anlass genommen, sich mal wieder richtig die Wampe voll zu schlagen. Hatte mein Vegetariertum im Vorfeld zu mittelgroßer Ratlosigkeit bezüglich des Menüs geführt, bekam ich dann Salate unterschiedlichen Mayonnaisegehalts, was auf den Gesichtern der Teilnehmenden nicht immer zu rosiger Verzückung spiegelte. Die Mitarbeiterinnen des Kindergartens bereiteten ein typisches Gericht Comarapas zu - K'jachas, gebratener Käse mit Mais und Kartoffeln-, das ich in einem Jahr nicht auf die Reihe gebracht hatte, zu essen. Ich bekam alles an Geschenken, was der comarapenische Markt hergab, darunter eine wunderschöne Ledertasche, einen Schal aus Alpakawolle und, mein schönstes Geschenk, eine individualisierte (!) Bastelei von einem Kind.
Abendessen mit den Lehrerinnen des Kindergartens
Das da auf der Torte bin ich (oder ein Bild von mri)



- Auch eine Erfahrung: Das Mittagessen bei den Hermanas. Vor jeder Aussage analysierte ich diese mental auf möglicherweise anti-religiösen oder gar ketzerischen Inhalt, die Hermanas jedoch scherzten, was die Kutte hielt. Sie brachten eine zu Besuch angereiste deutsche Schwester nach Santa Cruz zum Flughafen und so kam ich noch zu einem kostenlosen und deutlich verkürzten Transport mit meinen zwei Koffern, die einen Gewichtheber an den Rand seiner Fähigkeiten gebracht hätte.

All diese (mehr oder minder) rührseligen Momente lasse ich nun Revue passieren, während im Schein einer Bienenwachskerze eine Träne auf das Papyrus vor mir tropft. In bittersüßer Erinnerung an mein nicht immer fest eingestecktes Jahr in Bolivien...
Geschenke von den Kindern (ich dachte, sie hassten mich total)

Ne Spaß. Tränchen sind zwar ein paar geronnen, aber wie mir alle ununterbrochen versichern: Du gewöhnst dich auch hier wieder ein (Hallo? Ich hab hier noch nicht EIN cunape gesichtet), du solltest dich über das Wiedersehen mit deiner Familie (oder dem Häufchen Nasen, die davon übrig geblieben sind) freuen, denk nur an all die coolen Dinge, die du hier wieder unternehmen kannst (Fahrradfahren im Regen? Um fünf Uhr nachmittags die Lampe einzuschalten, weil die Sonne im Winter ab halb fünf nachmittags auch keinen Bock mehr hat?)
Aber ja. Ich kann nicht leugnen, dass mir der Blick aus meinem Fenster auf  hohe, hellgrüne Bäume gefällt. Ach ja, und da wären noch solche Sachen wie Bier. Eine warme Dusche. Wlan (und das schreibe ich mit großer Scham hier hinein).
Ich gebe mein Bestes, um kein alle verbessernder Weltretter zu sein. Man sieht sich!
Bier. Bier! BIER!!!
P.S.: Ein Video voller Bilder, die meine Eindrücke in Bolivien von Anfang bis Ende widerspiegeln, findet ihr hier:
https://www.youtube.com/watch?v=5xxSbIXgfeQ


Montag, 25. Juli 2016

Warum man Bolivianer moegen muss

www.pinterest.com
Typisch deutsch- das ist für mich, nun mit etwas Abstand, Pünktlichkeit, Ordnung, Büokratie, Industrie (oder arbeitet ihr in eurer Freizeit gelegentlich auf dem Feld? ;) ) und eine gewisse kühle – nennen wir es Distanz. Checkt man in einem Hotel ein, werden eingeübte Höflichkeitsfloskeln ausgetauscht, auf den Cent genau bezahlt und sachlich die Details abgeklärt. In den meisten Buden in Bolivien sucht man erstmal den Verantwortlichen oder dessen Schwester, Schwiegersohn oder Neffen dritten Grades. Der kommt verpennt, mit drei Kindern im Schlepptau oder im weiblichen Falle mit Lockenwicklern in der Frise angelatscht.  Man wirft sich Satzfetzen zu, der Preis hängt von der Bereitschaft des „Verantwortlichen“ zur Verhandlung ab. Niedergeschrieben wird hier außer dem Namen des Gastes meist nichts. Von Anfang an ist man auf Du und meist ist auch ein kleines Pläuschchen im Zimmerpreis enthalten.
Gutes Essen hat Prioritaet
Wenn der Bolivianer Fremdes oft mit einer Mischung aus Misstrauen und leichter Ablehnung beobachtet, siegt am Ende die Neugierde. „Woher kommst du? Wie ist Deutschland?“ Ja, wie ist Deutschland? Anders. Kälter. Schnee. Es gibt quasi für alles die entsprechende Maschine. „Wie lange fährt man mit dem Bus nach Deutschland?“ Mit einem Unterseebus könnte das ein Weilchen dauern, ohne endet man wahrscheinlich wie die Titanic.
Wenn die Neugier der Bolivianer groß ist, dann hat ihr Herz die Größe eines Fußballfelds. Was man an Essbarem hat, und sei es auch wenig, wird geteilt. So oft, wie einem ein Glas mit alkoholhaltigem Inhalt unter die Nase gehalten wird, ist man nach einer Stunde in einer boliche (Tanz- & Trinkschuppen) jedermanns Freund und blauer als der Elefant aus der Sendung mit der Maus. Abschlagen gilt nicht. Ebenso wenig wie Einladungen zum Tanz. Auch mit zwei linken Füßen oder ohne Hüfte hat man sich auf die Tanzfläche zu schleifen. Ja, liebe Skeptiker, diese Freundlichkeit ist nicht immer echt. Aber das muss das Gegenüber ja nicht wissen ;)

Wo wir bei Kritik sind: Die ist hier schwerer verdaulich als halbrohes Fleisch. Sich gegenseitig sein Fehlverhalten aufs Brot zu schmieren, ist nicht üblich und kann bei dem Kritisierten eine mittelschwere Krise auslösen. Hat man etwas falsch gemacht, wird zwar hinter vorgehaltener Hand darüber getuschelt, man selbst bleibt ahnungslos. Als ich anfangs den Boden wischte, stand er regelmäßig unter Wasser, bis mir vorsichtig die Funktionsweise des Mopps nähergebracht wurde. Das mag im Alltag einiges erschweren, vermeidet aber beleidigte Leberwürste.
Nächstenliebe und Bescheidenheit wird hier groß geschrieben, was nicht zuletzt auf die alles dominierende Rolle der Kirche zurückzuführen ist. Ich kann gar nicht zählen, wie oft der Segen der Jungfrau Maria hier gewünscht wurde. Da die katholische Kirche, wie wir vermutlich alle mal haben munkeln hören, vorsichtig ausgedrückt nicht so begeistert ist von Themen wie Homosexualität, Abtreibung oder Selbstmord, trifft man hier mitunter auf recht krasse Ansichten. „Die Natur hat Mann und Frau zur Fortpflanzung ausersehen, darum sind gleichgeschlechtliche Paare gegen die Natur.“ Das Totschlagargument für Homophobie. Dass sich Männlein und Weiblein hier vielleicht ein bisschen früh „paaren“ und mit 15 und ohne Ausbildung kleine Gottessöhne in die Welt setzen… Na ja. Das ist ein anderes Thema.

Familie ist hier alles. Halb Comarapa ist über beliebig viele Ecken miteinander verwandt, sodass bei Familienfesten auch immer die halbe Dorfbevölkerung aufläuft. Wunderbar, um sich über den neuesten Tratsch zu informieren und Gerüchte ins Unendliche zu verdrehen.
Nach Familie und Glaube kommt direkt die Arbeit, mit der der durchschnittliche Bolivianer deutlich mehr als die in Deutschland Burnout-gefährendenden 40 Stunden die Woche verbringt. Urlaub? Is nich. Man wohnt, isst und quatscht an der Arbeitsstelle. Manchmal frage ich mich, ob die Ausstattung des bolivianischen Körpers mit Schlafhormonen vergessen wurde.

Erlebe ich diesen Elan, die Seelenruhe, mit der Bolivianer „Probleme“ (oder die deutsche Definition davon) angehen und die Fröhlichkeit, die sie trotz harter Lebensumstände versprühen, komme ich mir undankbar vor und verurteile mein Jammern. Vielleicht ist das eines der vielen Dinge, die ich in diesem Jahr gelernt habe. Meistens ist es nicht so schlimm, wie wir es uns ausmalen.

Sonntag, 10. Juli 2016

Zu Besuch bei Omi

Ein weitläufiges Haus, ein großer Innenhof mit Bänken zum Ausruhen, ein Garten voller Rosen. Gemälde zieren die Wände, ein Flachbildfernseher das Wohnzimmer. Jähes Geschrei zerreißt diese Idylle.
Wir befinden uns im Altenheim Santo Domingo, und der Bewohnerin Perfecta passt irgendetwas so gar nicht. Wer oder was der Störfaktor ist, kann nicht ausgemacht werden. Wie einige andere ist Perfecta stumm. Das ist eines der vielen Dinge, die man hier lernt: Sich mit Händen und Füßen zu verständigen. Dann gibt es noch die Fäkalien, mit denen man sich intensiv auseinandersetzen muss. Zur Erhaltung eurer hoffentlich guten Laune gehe ich an dieser Stelle nicht weiter ins Detail.
Menschen altern unterschiedlich- das kann man an den etwa 35 Omis und Opis hier beobachten. Da gibt es die, die einfach nur ihre Ruhe haben und vor sich hin dösen möchten. Die, die bitterer sind als jeder türkische Mokka und sich auf Krawall gebürstet über eine Druckstelle an ihrer Kartoffel echauffieren. Manchen jedoch – und das verblüfft mich immer wieder- scheint nicht mal die verlorene Sehkraft oder ihr Rollstuhl ihren Humor zu nehmen. Vergesse ich Anita mal wieder eine halbe Stunde auf dem Klo, grinst sie mich keck aus ihrem fahrenden Untersatz an. Dona Elizabeth produziert die feinsten Häkelarbeiten, die ich hier in Bolivien gesehen habe. Ach ja, und dann gibt es noch die, die gelinde gesagt nicht mehr ganz in dieser Welt leben. Die auf ihren Gummilatschen „Flöte spielen“ und die Akustik dazu selbst brummen. Die auf allen Vieren durchs Blumenbeet kriechen. Die wild gestikulierend unsichtbare Geschöpfe auf Kniehöhe anbrüllen. Aber hier ist keiner mehr taufrisch, und jeder Einzelne macht diesen bunt zusammen gewürfelten Haufen liebenswert.

Den Haufen schmeißen drei PflegerInnen und Küchen-, Wasch- und Reinigungspersonal. Ein Knochenjob mit sechs Arbeitstagen pro Woche und unverhältnismäßiger Bezahlung. Die Oldies bleiben dabei manchmal auf der Strecke. Was harte Tage aufhellt: Das gemeinsame Essen, die Tratschereien, Sticheleien und Witze und der freundliche Umgang (zumindest vornerum). Hier werden Geburtstage gefeiert, Lebensentscheidungen getroffen, Ratschläge gegeben und manchmal auch gezofft.

Schräg ist das Duschen: Auf mehr oder weniger großen Widerstand stößt man immer, und manchmal bekommt man eine gewischt. Oder wird angepinkelt. 
Anita- 1,50 m Lebensfreude
Meinen Namen weiss hier kaum einer - meistens wird einfach "chocita" (Blondie) gebruellt, und ich komme angedackelt. Meistens ist dann ein Pinkelgang noetig, irgendein Koerperteil schmerzt oder es wird nach Nahrung verlangt. Oder Dona Lola fragt mich zum wiederholten Male, ob ich ihre Tochter gesehen habe. 
Wir altern alle, und keiner weiss, was aus uns wird. Ob wir dement, verbittert oder wehleidig werden. Das ruft man sich ins Gedaechtnis, wenn einem der Geduldsfaden zu zerreissen droht vor lauter Gemecker.
So wache ich morgens von den Schreien der Omis und Opis auf und bin dankbar, dass ich noch alleine aufstehen kann. 

Mittwoch, 29. Juni 2016

Zum Wein(en)

Dieser Genuss, wenn ein edler Tropfen den Rachen hinunterrollt wie fluessiges Gold. Der fruchtig-herbe Nachklang, der Aromen von weissfleischigem Pfirsich mit bittersuessem Zimt vereint...
Habt ihr jemals solche Sinesfreuden verspuert? Ich auch nicht. Wein liess mich bisher noch nie in himmlischen Sphaeren schweben, sondern schwebte meistens in meinen Kopf hinauf, wo er mir am naechsten Tag ein sanftes, aber bestaendiges Pochen verursachte. Aber man soll ja offen sein fuer Neues, und so machte ich mich von Cochabamba auf die 15 stuendige Reise nach Tarija, das drei Stunden von der argentinischen Grenze entfernt im Sueden Boliviens liegt und fuer seinen guten Wein beruehmt ist. Bei der Ankunft taute ich erstmal mein Eisbein auf, damit mich dieses auf der Suche nach einem Hostel durch Tarijas Zentrum tragen konnte. Ich passierte eine Parade mit Humpa Humpa und Taeterae, bevor ich endlich mein Ziel und dort Chrissi fand.
Zusammen durchlatschten wir Tarija, das durch absolute Sauberkeit (koi Bombobabbierle weit und breit) und wunderschoene Villen glaenzt. Dass es hier in etwa so viel Geld wie Weintrauben gibt, zeigten zahlreiche Plazas und zwei schmucke Aussichtsplaetze (einer in Form eines Weinglases, sie koennen es nicht lassen).
Am zweiten Tag liessen wir uns ins Umland zu einer Winzerei fahren, um uns die Produktion des famosen Traubensaeftchens erklaeren zu lassen. Als man uns ein Schlueckchen der Kostbarkeiten anbot, wechselten wir hilflose Blicke: Weder war uns der Unterschied zwischen Merlot und Sauvignon vertraut noch, wie man ein Weinglas ueberhaupt haelt :). Unser eigentliches Interesse galt aber sowieso dem Tapasteller vor uns (richtiger Kaese!). Den Singani, Boliviens Nationalspirituose, kippten wir mit derartiger Gesichtsgymnastik hinunter, dass selbst eine von meinen halb-blinden Omis unsere Abscheu erkannt haette. Genuss ist anders. Auch die klebrig suessen Fruchtweine in der Casa Vieja, der beliebtesten Spelunke rund um Tarija, sagten unseren geschulten Gaumen (haha) nicht zu. Auch wenn ich meinem geliebten Hopfensaft immer die Treue halten werde - die Landschaft und der Schwips waren's wert.
Spaeter trafen wir uns mit unserer Mitfreiwilligen Duygu, die in den entlegeneren Provinzen ein Projekt vorantreibt, dass sich um den Schulbesuch der Kinder aus den Doerfern kuemmert. Genau dorthin nahm sie uns auch am Tag darauf mit: Im Hochland auf knapp 4000 Metern, zwei Stunden von Tarija-Stadt entfernt, stapften wir vier Stunden ueber Duenen und an einer glitzernd blauen Lagune voller Flamingos vorbei. Wieder einmal haute uns die Schoenheit Boliviens um.
Auf der Rueckfahrt platzte ein Reifen, was Duygu nur mit einem Schulterzucken quittierte. Alltag hier.
Es war Mittsommernacht (San Juan oder Johannisnacht), und wir taperten feierlustig umher, im Visier: Irgendeine Form von Festivitaet. Wir haetten sogar Schuhplattler getanzt, aber- Fehlanzeige. Entweder schnarchte Tarija schon tief und fest oder wir hatten den Hotspot verpasst. Jedenfalls endeten wir in einem deutschen Restaurant, das zwar ueber einen faehigen DJ verfuegte, jedoch nicht ueber Publikum und auch kein deutsches Bier. Inmitten von Anwaelten in Anzuegen tranken wir es uns lustig und tanzten gegen halb vier heim. Ja, wir tanzten.
Entsprechend ausgeschlafen schoben wir uns am Freitag nach San Lorenzo, ein naheglegenes Dorf voller weisser Kolonialhaeuser, das fuer sein Gebaeck bekannt ist. Wir besuchten ein Museum, von dem wir nachher nicht mehr sagen konnten, worum es sich drehte, und sassen die restliche Zeit futternd herum.
Dann packte ich mich auch schon in den Bus nach Santa Cruz, den Chrissi nach all den Schauergeschichten, die man uns ueber die Strecke erzaehlt hatte, geflissentlich mied. Ich war zu geizig fuer einen Flug und nahm ein bisschen Geruckele oder eventuell das Umkippen des Busses (haha) in Kauf. Nichts von alledem passierte: Ich legte mich aufs Ohr und schlummerte bis zur Ankunft selig. In Santa Cruz verirrte ich mich mal wieder im Micro-Chaos und dueste stundenlang unnuetz herum. Aber alles halb so wild, wenn man Urlaub hat!

Ich hoffe, auch ihr konntet ausfliegen oder bratet in der deutschen Sonne! Habe irgendwo etwas fluestern gehoert, dass in Europa gerade irgendwas mit Fussball ist...? Stimmt das?