Dienstag, 4. Oktober 2016

...fertig-los!

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Neu anfangen scheint das Credo unserer Generation. Der Generation Beziehungsunfähig, die sich nicht festlegen will, und deshalb - was wäre einfacher - abhaut. Mindesthaltbarkeit drei Wochen. Neue Aufgaben, neue Leute, neues Ich. Wie leicht ist das, wie sorgenlos, einfach alle Sorgen und all den Mist, den man gebaut hat, auf einen Haufen zu schütten und sich geografisch und emotional hunderte Kilometer weit davon zu entfernen. Dort steht alles auf null, man kann sein, wer man möchte, hat keine Vergangenheit. Kein Mensch weiß, dass man in der Schule der Außenseiter und ein bisschen fernsehsüchtig war.
Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein.
Hier kann ich sein, wer ich will, und alle glauben es.
Ein Kasten voller Einflüsse, aus dem man sich die eigene Persönlichkeit oder das davon nach außen Sichtbare zusammenbasteln kann. Ist das Flucht oder mit der Zeit gehen?
Neu anfangen ist wie malen: Man hat alles selbst in der Hand und entwirft sich genau so, wie man sich in dem Moment gerne hat. Oder hätte?
"Wenn wir einmal groß sind, dann können wir machen, was wir wollen. Das wird toll." Dachten wir als Kinder. Was wir nicht wussten: Wie viel sie wert waren, die Stunden des Spiels und der Sorglosigkeit. Ich erinnere mich noch, dass ich all die Papierberge und Ordner, die sich in unserem Büro türmten, als Kind immer für unheimlich interessant hielt. "Was mögen das nur alles für wichtige Dinge sein, die auf diesen Blättern in Zahlen und Lettern stehen", malte ich mir aus. Heute wünsche ich mir ein Malbuch statt Rechnungen und jemanden, der mir aufzeigt, was richtig und falsch ist.
So strauchle ich durchs Leben, weiß nicht so richtig, wohin und was, und halte "mal was Neues", "frischen Wind" für das Allheilmittel. Aber wer springt und immer an einem anderen Ort landet, kann auch nicht viel mitnehmen. So sitze ich allein in meinem neuen Zimmer, aus dem Fenster lächeln mir all die neuen, verlockenden Möglichkeiten entgegen und was das hier alles sein soll, so im Gesamtpaket, das habe ich noch nicht herausgefunden. Letztendlich esse ich dasselbe Roggenbrötchen wie immer, höre meine alte Musik und frage mich, wo dann das große Neue, das Abenteuer liegt.
Vielleicht braucht es zum Neu Anfangen erstmal ein Loslassen, und zwar eins, das nicht mit dreckigen Klamotten im alten Heim zurückgelassen werden kann.

Montag, 19. September 2016

Sommerloch? Sommerfülle!


Es gibt Zeiten, da stolpert man durchs Leben, und es gibt Zeiten des schwerelosen Schwebens. Das Dasein wird leicht, Kummer rückt in weite Ferne und alles scheint möglich. Tage, an denen die Hitze flirrt, Nächte, die nach Bier schmecken und vor Gelächter bersten. Sonnenbrand, Schweiß und Sommerregen. Mücken, Musik und Mojito.
Von ihrer unbeschwertesten Seite zeigt sich die Welt in Amsterdam. Takka-Tukkaland ist real geworden. Ein Kanal schließt an den nächsten, dazwischen hübsche kleine Gässchen, in denen man sich verlieren und einen ganzen Nachmittag vertrödeln kann. Die wenige Meter breiten Häuser verschmelzen zu einer einzigen, bunten Fassade. Bei näherem Hinsehen reibt man sich die Augen: Liegts am Gras oder neigt sich die Hütte da vorne tatsächlich nach vorne? Windschief ist wunderschön.
Zwischen Straßencafes, charmanten Dies-und-Das-Läden und durch die Kanäle schippernden Bootchen fällt der Blick ins Schaufenster auch mal in ein üppiges Dekollete. Amsterdam ist ein Vergnügungspark für Erwachsene. Gras, fettiges Essen und Sex. Letzteres kann man in Bildern, Statuen und Zeichentrickfilmen mit Feen und penisförmigen Pferden im Erotik-Museum betrachten. Kulturell nicht gerade arte-tauglich und auch sonst gewöhnungsbedürftig. Was man eben so unternimmt, wenn die Schlange vor dem Anne-Frank-Haus bis an den Südpol reicht.
"Roken is dodelijk" - darauf weist Marlboro freundlicherweise hin und die Bahn signalisiert das Einsteigeverbot mit "nid instappen". Niederländisch ist zu putzig, um ernst genommen zu werden. Was man in Holland vergeblich sucht: Öffentliche Toiletten, Pfandflaschen und vernünftige Preise.


Dieser Sommer kennt kein Maß für Zeit. Irgendwann werden wir zurückblicken, uns an die Sorglosigkeit dieser Tage erinnern und uns wird Melancholie ergreifen.
Tage und Wochen der Freiheit, hellgelb wie Zitroneneis.

Montag, 5. September 2016

Was ist hier los?

".... und ich sitz' einfach hier ohne einen leisen Hauch zu wissen was passiert." Clueso - "Schreibe Dir"

"Das wird schon alles"
"Mach dir keine Sorgen"
"Ist nicht dein Problem"

Nicht mein Problem? Doch. Vielleicht aus Eurer Sicht nicht. Aber für mich fühlt es sich so an, und das ist meine Realität.
Ich mache mir Sorgen.
Ich mache mir Sorgen, wenn mit mir im Wartezimmer ein Mann sitzt, der mit sicherem Lächeln meint, Kochen sei Frauen- und Arbeiten Männersache. Wenn ein Bus an mir vorbeirollt, auf dem sich eine Frau in einem unter ihrem prallenden Dekollete geknoteten karierten Arbeitshemd mit einer Bohrmaschine in der Hand lasziv in die Zunge beißt und die für Handwerksbetriebe günstigen Kleinanzeigen im kostenlosen Wochenheft bewirbt. Wenn eine Freundin sich nicht mit mir treffen darf, weil ihr Freund sonst eifersüchtig wird.

Ich mache mir Sorgen, wenn zwei Menschen acht Stunden lang wenige Zentimeter zwischen den Sitzen im Bus trennen und während dieser acht Stunden kein. einziges. Wort. fällt. Wenn man in der Zeitung eine Todesanzeige mit dem Namen seines Nachbarn entdeckt, über dessen falsch geparktes Auto man sich noch vorige Woche echauffiert hatte.

Ich mache mir Sorgen, wenn Polarkappen jedes Jahr ein paar Zentimeter mehr Eis verlieren, wenn Sommer heißer als jemals zuvor seit Beginn der Wetteraufzeichnung sind und Flussbetten schon solange trocken liegen, dass Kinder sie niemals mit Wasser gesehen haben. Wenn Prognosen Norddeutschland schon im Jahre 2000irgendwas unter Wasser sehen und keiner was dagegen tut.

Ich mache mir Sorgen, wenn ein Mensch sich den dritten Mercedes "als Freizeitauto" kauft und eine Mutter ihrem kranken Kind keinen Arztbesuch finanzieren kann. Wenn sich in Deutschland über steigende Mieten beschwert wird, während man in einem Wohnzimmer sitzt, das doppelt so groß ist wie das Haus einer achtköpfigen südamerikanischen Familie.

Ich mache mir Sorgen, wenn man acht Stunden und aufwärts zubringt mit einem Tun, das einem nicht nur keinen Spaß, sondern regelrechten Frust bereitet und keine Räume mehr für Muße bleiben. Wenn hängende Mundwinkel zum Gesichtsausdruck und echtes Lachen zur Ausnahme wird. Wenn alles, alles, alles hinter dem Gelderwerb zurückbleibt. Weil Familie, Gesundheit, Vergnügen auf der Prioritätenliste noch hinter der Autowäsche rangieren.

Ich mache mir Sorgen, wenn man nicht mehr zum Genuss essen darf, sondern zur Proteinaufnahme. Wenn Unsportlich ein Synonym für faul, hässlich und wertlos ist. Wenn es mehr Fitness- als Kuchenback-Tutorials auf Youtube gibt und Low Carb ein Prädikat für einen jeden ist, der etwas auf sich hält. Wenn Mädchen Model anstatt Tierärztin werden wollen.

Ich mache mir Sorgen, wenn Liebe einem Kassettenrekorder gleicht: Veraltet, braucht man nicht mehr, heute geht's leichter. Wenn es wichtiger ist, jemanden für eine Nacht als für die nächsten Wochen und Monate seines Lebens zu haben. Wenn es allgemein gängige Ausdrücke gibt für Beziehungen, die nur auf Körperlichkeit beruhen und man sich ins Aus katapultiert, sobald man sich etwas darüber Hinausgehendes wünscht.

Ich mache mir Sorgen, wenn überall schon vorab ein Mindesthaltbarkeitsdatum aufgedruckt ist. Wenn man von einem Ort zum nächsten springt und Bekanntschaften an die Stelle von Freunden treten. Wenn alles nur eine Episode ist, das große Ganze dahinter verschwindet und man immer einer neuen Idee hinterherrennt, aus Angst, etwas zu verpassen. Wenn Beständigkeit von immer neuen Angeboten abgelöst wird und man irgendwann nicht mehr weiß, was man eigentlich sucht in diesem Wettrennen.

Nicht mein Problem? Nein. Unseres.
Ich wünschte, es wäre mir egal, weil ich dann leben könnte, als gäbe es kein Morgen. Aber das kann ich nicht.
Meine Sorgen. Mein Problem.
Aber unsere Welt.

Donnerstag, 25. August 2016

Leben

Das Konto leer, die Feste lang
jeder Tag im Schnelldurchgang
denn auf die Nacht, auf die kommt's an.

Von Praktikum zu Praktikum
trägst du Kaffeetassen rum
und fühlst dich dabei ach so dumm.

Früher war da mal ein Traum,
jetzt bist du dabei, es zu versau'n
Absprung hat nicht hingehau'n.

Bass dröhnt, wackelnde Wände
so feierst du dein "Wochenende"
dein Leben gleitet dir durch die Hände.

Vater bekommt Sorgenfalten
was ist das für ein Verhalten!
würd' sie doch ihr Hirn einschalten

Ob die Tochter macht und mag,
was ihr Vater ihr gesagt
der selbst doch über Burnout klagt?

Ist nicht des Menschen höchstes Ziel
Freude, Muße, Spaß und Spiel
war's nicht das, was mal gefiel?

War nicht Freiheit, was wir wollten?
Wer sagt, dass wir studieren sollten?
Um Karriere und Geld zu machen
und zu klagen statt zu lachen
statt zu schlafen nachts aufwachen
durch den Kopf geh'n tausend Sachen

Man wollte es mal "zu was bringen"
den Chefsessel allein erringen
wenn's irgendwann soweit ist
ist's nicht Freiheit, die man vermisst?
Sind's nicht Stunden, die man "verschwendet",
in denen man anfängt und nicht beendet,
in denen man tanzt und schwebt und singt
und es vielleicht "zu gar nichts bringt",
in denen wir leben und nicht nur da sind,
sie sind so rar, sie weichen geschwind,
holen wir sie uns doch wieder
wir sind Tänzer und nicht Krieger.





Montag, 22. August 2016

Magie und Schnapsleichen


Bolivia on my mind - or not? So viele Jammer- und Schwarzsehereien meine Umgebung  vor meiner Rueckkehr nach Bierland ertragen musste, so wenige dieser Befuerchtungen haben sich erfuellt: Ich habe anscheinend (ja, das ist auch mir ein Raetsel) einen Studienplatz erwischt, langweile mich bisher nicht zu Tode und vielleicht, ganz vielleicht ist Deutschland doch nicht ganz so spiessbuergerlich und es gibt scheinbar Menschen, die auch nach zehn Uhr wach sind. Wie meine Mitfreiwillige Eva das Heimkehren beschrieb: Man lebte hier zwanzig Jahre lang, wieso sollte das auf einmal unmoeglich sein? Ja, es ist moeglich, und es ist ganz schoen dufte. Sicherlich laufen hier viele Dinge schief, aber dann gibt es noch die, die rund laufen, so rund, dass man das Gefuehl hat, zu schweben.
Irgendwas lauft, duest oder rollt jedenfalls immer in Berlin, diesem Mosaik aus Millionen verschiedenen Leben, die man im Rest Deutschlands als zu verschieden und unvereinbar abtut.
Berlin ist ein wunderbarer Ort zum Vergessen, Vermeiden, Aufhoeren und Neu Anfangen. Um sich selbst zu finden oder mal jemand ganz anderes zu sein. Man kommt hierher ohne Vorgeschichte, wird resetted auf Werkseinstellungen. Ein Leben davor und eines danach? Bedeutungslos. Alles auf Anfang, Eingangsszene, Klappe und los.
Mauerpark - Flohmarkt, Musiker und Karaoke am Sonntagnachmittag

Man kann untergehen in diesem Strudel aus Strassen, Gebaeuden und Menschen oder man treibt obenauf, ziellos und leicht wie ein Zweig, den der Wind hinab auf die Wasseroberflaeche geweht hat. Hier muss man nicht gesund leben, einen wasserdichten Karriereplan vorweisen koennen oder seine Sexualitaet definieren. Den eigenen Lifestyle modelliert man oder laesst ihn modellieren und vielleicht traegt man morgen barfuss Hanfhosen statt skinny Jeans und Nikes. Man kann und darf alles und muss nichts.
Wenn alles moeglich ist, alles dagewesen und im Kommen, wie kann man sich irgendetwas sicher sein? Wie weiss man, ob morgen nicht alles anders ist, und zwar auf die uncoole Art? Freunde weg, Geld weg, Wohnung gekuendigt? Wenn man immer weiter laeuft, wo kommt man an? Will man sein Leben lang suchen, ausprobieren und die Nase in alles stecken (oder alles in die Nase stecken)? Was feiert man, wenn man nichts tut, ausser zu feiern? Ist ein neonfarbener Jumpsuit noch extravagant, wenn alle in Klamotten aus vergangenen Jahrhunderten und der Mottenkiste rumrennen?
Berlin ist ein Spielplatz fuer Erwachsene. Ob man nun high werden oder down kommen moechte. Oder vielleicht nicht fuer Erwachsene, wie man sie sich ueblicherweise vorstellt, mit fester Arbeit und Aktentasche unter dem Arm. Wenn ich mir Berlin als eine Person vorstelle, dann staende die Kippe rauchend an einem Schnellimbiss, truege eine doedelige Muetze und wuerde Fremde mit einem ironischen 'Komm se nur alle rin die Herrschafdn' begruessen.
Berlin - wo man nie allein und irgendwie doch einsam ist.

Sonntag, 7. August 2016

Von schwierig zu beantwortenden Fragen oder: Halt mal kurz, wer bin ich?

Lust auf einen richtig schön klischeehaften Standardsatz aus der Kiste der wie einen Kaugummi breitgetretenen Phrasen? Ja? Festhalten, hier kommt er.

Ich hasse Abschiede.

Hat noch keiner vor mir ausgesprochen, oder?
So schwer ich es mir oft selbst gemacht habe, so leicht fiel es mir immer, dieses Land zu lieben. Bevor ich hier aufschlug, war mein Verhältnis zu Kindern etwa so innig wie zu Küchenschaben. Mittlerweile glaube ich, dass ein paar Flausen im Kopf manchmal nicht schaden können. Die putzigen Knirpse und ihre irrwitzigen Aussagen haben mich mehr als einmal amüsiert: Da ist Hühnchen ein Gemüse und die Pecadores (Sünder) im Vater unser werden kurzerhand zu pescadores (Fischern) umfunktioniert. Wie wunderbar ist doch die Welt eines Kindes. Warum ich nach Alemania zurück muss, verstehen sie nicht. Ich jedoch auch nicht.
Wie die Hermana feststellte: Man kommt und hat keinen Schimmer von Sprache, Arbeitsabläufen oder was ein rompecabeza ist(wörtlich übersetzt: Kopfzerstörer, ich hielt es für ein Folterinstrument, ist eigentlich ein Puzzle). Hat man sich das alles mühsam angeeignet, macht man die Fliege und hinterlässt einem anderen unwissenden Grünschnabel das Feld. So, als ob die Zeit in Bolivien nur eine Werbeunterbrechung in einem sonst aalglatten deutschen Lebenslauf sei.
Alles in diesem Jahr hat ein Ablaufdatum: Hobbies, Essgewohnheiten und ... Freundschaften. Oft stellte sich mir eine deprimierende Frage: Warum beginnt man überhaupt etwas, wenn von Anfang an klar ist, dass man es irgendwann- von einem Moment auf den anderen- für mit hoher Wahrscheinlichkeit immer lässt? Vielleicht machen das viele Menschen in meinem Alter, in dem man seinen Platz im Gefüge noch nicht ganz gefunden hat und "halt mal ein bisschen rumprobiert". Aber was, wenn man bei diesem die-Fühler-Ausstrecken auf etwas gestoßen ist, das für einen vielleicht auch über das Mindesthaltbarkeitsdatum hinaus einen Platz in seinem Leben hat? Was man vielleicht gerne in wasserdichte Folie einpacken und nach Deutschland überschiffen möchte? Was aber keinen Platz hat im kalten Deutschland, im ordentlichen Kleiderschrank aus deutscher Buche, in einem Leben, das dem bolivianischen so fern ist wie Reutlingen Santa Cruz? Dann, meine Freunde, sitzt man irritiert da, und versucht, aus diesen zwei so verschiedenen Leben das herauszufiltrieren, was man leichtläufig die eigene Persönlichkeit nennt. In einem Zimmer, das in einem Jahr Abwesenheit von einer dünnen Schicht Staub bedeckt wurde. Unter Menschen, die keinen Schimmer haben, was ein rompecabeza ist.

Hey ho, let's go!

Wer aufmerksam meine Aufzeichnungen studierte, weiß vielleicht, dass ich anfangs das ein oder andere Problemchen, oder nennen wir es fachdeutsch, "Anpassungsschwierigkeiten", hatte. Vielleicht war ich ein deutscher Stecker in einer bolivianischen Steckdose- ohne Adapter. Zwischendurch fiel der Strom aus, das Kabel brach oder die Steckdose war besetzt. Kurz: Es lief (oder eher floss) nicht immer.
Aber wenn ich steckte, dann fest, dann schoss der Strom so durch meine Fasern, dass sich eine Techniknulpe (höhö. Da bin natürlich nicht ich gemeint ;) ) gelegentlich mal ordentlich eine gewischt bekommen konnte. Aber Stromschläge regen ja bekanntlich die Hirnaktivität an :)
Was in den letzten Wochen passierte:

- Mellis und Wiebkes Jugendzentrum wurde neues Make-Up verpasst, und ich beschmierte mehr mich selbst als die Wände.

- Die comarapenischen Gefilde wurden von einer weiteren Schar Allemannen invadiert: Wiebkes Familie brachte ein wenig Deutschland (konkret: SCHOKOLADE!) mit in die trockenen Weiten Boliviens.

- Der Kindergarten veransteltete wieder mal ein lustiges Drehen, Hüpfen und Extremitäten-Schwingen. Ich selbst raffte leider noch weniger von der Bewegungsabfolge der gimnasia (rythmische Sportgymnastik) als meine bambini. So stand ich in meinem knallorangenen Gymnastikanzügchen eigentlich nur irritiert in der Landschaft herum.


- Wohl verursacht durch einen kurzzeitigen Aussetzer oben erwähnter Gehirnaktivität beschloss ich vor ein paar Wochen, ein 14-Kilometer-Lauf sei doch eine super neue Herausforderung und keine völlig bekloppte,  durch röstende Sonne führende Tortur. Auf dem letzten Loch pfeifend schob ich mich in Comarapa ins Ziel und landete in meiner Kategorie auf dem vierten Platz. Von fünf Teilnehmerinnen.


- Mein Abschied wurde viermal zum Anlass genommen, sich mal wieder richtig die Wampe voll zu schlagen. Hatte mein Vegetariertum im Vorfeld zu mittelgroßer Ratlosigkeit bezüglich des Menüs geführt, bekam ich dann Salate unterschiedlichen Mayonnaisegehalts, was auf den Gesichtern der Teilnehmenden nicht immer zu rosiger Verzückung spiegelte. Die Mitarbeiterinnen des Kindergartens bereiteten ein typisches Gericht Comarapas zu - K'jachas, gebratener Käse mit Mais und Kartoffeln-, das ich in einem Jahr nicht auf die Reihe gebracht hatte, zu essen. Ich bekam alles an Geschenken, was der comarapenische Markt hergab, darunter eine wunderschöne Ledertasche, einen Schal aus Alpakawolle und, mein schönstes Geschenk, eine individualisierte (!) Bastelei von einem Kind.
Abendessen mit den Lehrerinnen des Kindergartens
Das da auf der Torte bin ich (oder ein Bild von mri)



- Auch eine Erfahrung: Das Mittagessen bei den Hermanas. Vor jeder Aussage analysierte ich diese mental auf möglicherweise anti-religiösen oder gar ketzerischen Inhalt, die Hermanas jedoch scherzten, was die Kutte hielt. Sie brachten eine zu Besuch angereiste deutsche Schwester nach Santa Cruz zum Flughafen und so kam ich noch zu einem kostenlosen und deutlich verkürzten Transport mit meinen zwei Koffern, die einen Gewichtheber an den Rand seiner Fähigkeiten gebracht hätte.

All diese (mehr oder minder) rührseligen Momente lasse ich nun Revue passieren, während im Schein einer Bienenwachskerze eine Träne auf das Papyrus vor mir tropft. In bittersüßer Erinnerung an mein nicht immer fest eingestecktes Jahr in Bolivien...
Geschenke von den Kindern (ich dachte, sie hassten mich total)

Ne Spaß. Tränchen sind zwar ein paar geronnen, aber wie mir alle ununterbrochen versichern: Du gewöhnst dich auch hier wieder ein (Hallo? Ich hab hier noch nicht EIN cunape gesichtet), du solltest dich über das Wiedersehen mit deiner Familie (oder dem Häufchen Nasen, die davon übrig geblieben sind) freuen, denk nur an all die coolen Dinge, die du hier wieder unternehmen kannst (Fahrradfahren im Regen? Um fünf Uhr nachmittags die Lampe einzuschalten, weil die Sonne im Winter ab halb fünf nachmittags auch keinen Bock mehr hat?)
Aber ja. Ich kann nicht leugnen, dass mir der Blick aus meinem Fenster auf  hohe, hellgrüne Bäume gefällt. Ach ja, und da wären noch solche Sachen wie Bier. Eine warme Dusche. Wlan (und das schreibe ich mit großer Scham hier hinein).
Ich gebe mein Bestes, um kein alle verbessernder Weltretter zu sein. Man sieht sich!
Bier. Bier! BIER!!!
P.S.: Ein Video voller Bilder, die meine Eindrücke in Bolivien von Anfang bis Ende widerspiegeln, findet ihr hier:
https://www.youtube.com/watch?v=5xxSbIXgfeQ