Sonntag, 18. Oktober 2015

Comarapa- THE place to be!



Wollt ihr Spaß und Action? Fußball, Volleyball, Tanzen oder Laufen – in all diesem könnt ihr euch üben! Im Gottesdienst findet ihr die Möglichkeit zum Gespräch mit Gott und zum Trällern des ein oder anderen Liedchens. Der Markt wartet mit knackigem Obst und Gemüse oder heimischen Spezialitäten auf euch! Das reicht noch nicht? Dann macht einen Abstecher zu unserem Companero Jesus, der hoch über unserem Örtchen erhaben seine Gipsarme ausbreitet. All das bekommt ihr in Comarapa- und NUR hier!
Stadion von Comarapa- fuer ein Laeufchen immer gut
Spaß beiseite, die letzten Wochen passiert hier tatsächlich mehr als in meinem einsamen ersten Monat. Gestern versuchte ich mich im Futsal (Fußball auf Asphaltboden) und stellte wieder einmal mehr fest, dass ich nicht für Mannschaftssportarten gemacht bin. Außerdem schaltet mein Kopf irgendwie ab, wenn ich mich bewegen soll, und so stehe ich dann völlig verloren mitten auf dem Spielfeld herum und suche den Ball. Wiebke, der Fußballprofi, musste allein die Ehre der leider etwas unfähigen deutschen Mannschaft verteidigen.
Auch das Samstagabendprogramm glänzt hier durch Vielfalt: Erst der Besuch des Gottesdienstes, anschließend ein Bummel durch die Geschäfte (Fußballschuhe gefällig?) und schließlich gemütliches Pizzaessen im Haus der Maristenbrüder. Wer beim Wort Gottesdienst irritiert die Stirn runzelte: Auch ich wundere mich über mich selbst, aber betrete hier wirklich regelmäßig einen Gottestempel. Der Aufbau einer Messe ähnelt dem deutschen sehr; die Predigt ist jedoch authentischer, der Pfarrer spricht freier, und Mitglieder der Gemeinde spielen an Gitarre, Keyboard und Trommel kurze Liedsequenzen zum Mitsingen ein. In der gestrigen Messe sprach der Pfarrer vom Gotteskult in Deutschland, von dem ihm „Bruder Anton“ und „der Bruder, mit dem wir zusammenwohnen“ (gemeint war Stefan, ein anderer deutscher Freiwilliger, der im Haus des Pfarrers lebt) erzählt hatten. Jedoch war wohl ein kleiner Kommunikatiosfehler aufgetreten. Es mag zwar sein, dass der Kirchenbesuch nicht die populärste Beschäftigung unter deutschen Jugendlichen ist, aber dass alle Christen zum Islam konvertieren und Kirchen zerstören – das wäre mir neu. Habe ich etwas nicht mitbekommen? Ist die Situation in Deutschland so eskaliert? Sagt ihr es mir…
Gestern zur nächtlichen Stunde entdeckte etwas, das nicht gerade zu friedlichem Einschlafen beitrug: Uneingeladenen Besuch auf meinem Kopf. Nach massenhaft Mückenstichen, Sonnenbrand und Verdauungsproblemen habe ich es nun mit Kopfläusen zu tun. Herzlich Willkommen, meine kleinen Freunde! Heute rückte ich den Störlingen mit der Chemiekeule zu Leibe. Lasst uns hoffen, dass sie ihr Unwesen nun nur noch im Abfluss treiben!
Weiterhin geht der Aufruf an den aktiven Leser, mir Informationen und Nachrichten zu egal welchem Thema zukommen zu lassen, um meine unendliche Neugier zu stillen und ein Stück Heimat in die bolivianischen Ferne zu schicken. Als Dank wäre auch ein Mitbringsel am Ende des Jahres drin. Oder ist das schon Bestechung? ;)


Sonntagsmarkt - hier gibt es alles, vor allem Menschen ;)

Von Tropen und Moenchen, die keine sind




Den Himmel überzieht ein zartes Himmelblau, die schmale Mondsichel liegt zwischen den Bergrücken. Selbstverständlich ist das so angerichtet; seit tausenden von Jahren und hoffentlich noch mal genauso viele. Gestern noch sahen wir die Sonne zwischen Palmenspitzen untergehen. Die Hitze ließ uns schwitzen und die Straße zog sich geradlinig durch die dichten grünen Wälder. Aus dieser schlafwandlerischen Landschaft wurden wir jäh herausgerissen, als die eng bebauten, breiten Straßen Santa Cruz ankündigten. 


Blick ueber Robore
Drei Tage waren wir unterwegs, doch es scheint länger. Die Chiquitania (Tiefebene) zeigte uns so viel: Das beschauliche Dorf Roboré, Wasserfälle mitten in den Bergen, heiße Quellen und die ursprüngliche Stadt San José mit Jesuitenkirche. „Ganz nebenbei“ lernten wir Menschen kennen, die mir den Glauben an das Gute im Menschen zurückgaben.Fünf betagte Maristenbrüder (KEINE Moenche- Melli, die auf einem Maristenkolleg war, betont diesen Unterschied nachdruecklich)


Die Wasserfaelle - leicht bearbeitet ;)


Schmetterlingshorden bei den aguas calientes

Aguas calientes oder lauwarme Bruehe
boten uns Unterschlupf und schmackhafte Nahrung im Maristenkolleg von Roboré.
 Die Kids müssen sich hier schon um sechs in die Schule schleppen, weil sie sonst vor Hitze durchbrennen wie eine Glühbirne. Vielleicht könnt ihr euch nun vorstellen, warum wir große Teile des Tages auf unseren Matratzen liegend verbrachten. Nicht mal in der Kirche war man vor Schwitzerei und Viechern gefeit!



Zu den aguas calientes (heiße Gewässer) wurden wir exklusiv kutschiert, hockten uns in die warme Brühe und unterhielten uns mit Mennoniten. Diese Aussiedler verließen vor etwa 300 Jahren Deutschland und schlossen sich in Kanada, Mexiko, Belice…. Zu Kolonien zusammen. Was wir zunächst für eine fremde Sprache hielten, sei Niederdeutsch, so erläuterte man uns, und habe seine Wurzeln im Preusischen. Uns kam sofort Niederländisch in die Köppjes, als wir uns ein mennonitisches Wörterbuch reinzogen. Die „Mennonitenpost“ bestand hauptsächlich aus Briefen aus den einzelnen Kolonien, in denen von Krankheiten, Überfällen und der Ernte erzählt wurde. Stutzig machte uns das gehäufte Vorkommen des „selbst gewählten Todes“ unter den Todesanzeigen der Hillebrandts, Isaacs und Co. Geheiratet wird nur innerhalb der Gemeinde, und so frage ich mich, wie der Vater seine acht Kinder überhaupt von seinen zehn Neffen auseinanderhalten kann – die Brütlinge sehen für mich tupfengleich aus. Die Mädels in geblumten Seidenkleidern mit Zopf und Haube, die Jungs mit Latzhose, Hemd und Käppie. Für mich eine äußerst interessante Begegnung- das Beglotzen war beidseitig.

Valle de la Luna - Mondlandschaft



Mit dem Nachtbus ging es ins 1,5 Stunden entfernte San José, wo wir bei Lehrern des Maristenkollegs unterkamen. Die Hitze schlug uns am nächsten Morgen wie Mohammed Alis Faust ins Gesicht. Entsprechend schleppend die Besichtigung der Jesuitenkirche, eines Kunsthandwerkgeschäftes und der Maristenschule, wo wir gleich mal vor eine gackernde bolivianische Meute gestellt wurden, die uns mit Fragen löcherte. Deprimierend, dass ich immer noch auf 17 geschätzt werde. Im Valle de la luna (Mondtal) stiefelten wir über mondkraterähnliches Gestein und danach durch den putzigen Ort, der in der Zeit ein par Jahrzehnte zurückgeblieben scheint. Um sechs quetschten wir uns zu neunt in einen Van, der uns zurück nach Santa Cruz brachte. Vier Stunden lang Bachata, Merengue und Co. in Diskolautstärke. Unsere Mitfahrer feierten es. Donnerstag tuckerten wir mit Hermano Gregorio, dem Ersatzpapa von Wiebke und Melli, in unser Bergidyll Comarapa zurück. Frische Luft und Wind, der den Tropenschweiß trocknet! Am selben Abend kam ich überraschend noch in die Gesellschaft der Dominikaner-Schwestern: Als ich spontan nach etwas Essen fragte (ja, das klingt armselig, aber ist eigentlich so vorgesehen), baten sie mich gleich herein. Unter den schwatzenden und lachenden Nonnen herrschte eine Stimmung, die man in einem Kloster so nicht erwartet.

Schmetterling seelenruhig auf Mellis Finger
Tourifoto vor der Jesuitenkirche - Melli, Wiebke und ich




















Erkenntnis dieser Woche: Reisen frischen nicht nur festgefahrene Denkmuster auf, sondern geben die Möglichkeit zu Begegnungen mit besonderen und warmherzigen Menschen.

Sonntag, 11. Oktober 2015

Hingekritzelte Notizen


Hola und Servus, macht es euch gemütlich für eine weitere Portion Anekdötchen von über dem Ozean.
Probe für den grossen Auftritt - manchmal nervenaufreibend
DAS Event vergangene Woche: Die Tanzaufführung der Pimpfe. Nicht etwa in einer ranzigen Turnhalle, nein, im Kolisseum in Anwesenheit des örtlichen Fernseh- und Radiosenders hüpften die Minis umher. Was wochenlang mehr oder weniger erfolgreich geübt wurde, gipfelte in einer eindrucksvollen Show mit aufwendigen Kostümen und Frisuren. Der Star des Abends war Anton, der als Co-Vortänzer die Herzen der Zuschauer eroberte. Ich dagegen war völlig überfordert mit dem Anrichten und Verkaufen von Wackelpudding. Zu später Stunde entwickelte sich diese dunkelpinke Wabbelpampe zum knappen Gut, und ich wurde plötzlich von allen Seiten mit Befehlen angeschrien. Umso grösser die Freude, als uns danach eröffnet wurde, wir hätten nun eine Woche Ferien. Zurzeit finden nämlich Sportwettkämpfe in Comarapa statt, zu denen SchülerInnen des ganzen Departaments anreisen. Das hat zur Folge, dass unser beschauliches Bergnest von über 6000 Jugendlichen invadiert wurde, die mitsamt ihren Matratzen einen Schlafplatz suchten. Die Hinterher-Pfeif-Frequenz erhöhte sich dadurch um ein Vielfaches.


Minions, Schweinchen etc.
So sitze ich – wer hätte es gedacht? – mal wieder in Santa Cruz und lasse mich vom täglich wechselnden Wetter überraschen.  Gestern war eigentlich Gartenarbeit in Majas Projekt für alle Freiwilligen geplant, doch diese nette Tätigkeit fiel buchstäblich ins Wasser. Maja und ich buken (heisst das ernsthaft so? :D) einen Zopf (eigentlich verbrannten wir ihn eher) und bummelten über den Alasitas, einen Miniaturmarkt. Zu Allerheiligen (03.November) legt man den Verstorbenen hier winzige Gegenstände aufs Grab, die Wünsche verkörpern. Das kann vom Häuschen (Eigenheim) über Geldscheine (Reichtum) bis zu Schweinchen und Bierfläschchen alles sein. Apropos Tod: Gestern hätten wir einer unserer Mitfreiwilligen, Jana, fast einen Herzinfarkt beschert, als wir auf ihrer Überraschungsparty hinter der Hauswand hervorsprangen.

Babies, Verkehrsleitkegel: Alles fürs Grab
Um ehrlich zu sein, ist mir ein kleiner Herzinfarkt ab und zu lieber als die Dauernarkose in Comarapa. Ich muss langsam echt Streichhölzer zwischen meine Augenlider klemmen, um einigermassen wach auszusehen. Coca-Kauen hilft leidlich dagegen. Anmerkung: Kauen ist irreführend; tatsächlich stopft man sich das Grünzeug in die Backentasche und wartet. Na gut, dann gehe ich jetzt wohl eine dicke Freundschaft mit meinem Bett ein. Viele verpennte Grüsse und einen wunderbaren Herbst (den vermisse ich wirklich) von einer Caro, die gerade ein wenig neidisch auf die neben ihr schlummernde Maja ist.
P.S.: Wusstet ihr, dass das Wort "Poltergeist" in der englischen Sprache existiert?

Dinge, die mich hier immer wieder wundern



-         Die Frisuren: Die Kinder kommen teilweise mit wunderschönen Flechtfrisuren, wie man sie in Deutschland im höchsten Fall zur Kommunion trägt, in den Kindergarten. Wer frisiert sie so aufwendig und woher kann er/sie das?

-         Das Tanzen: Kann hier scheinbar jeder, muss im Blut liegen. Oder wie erklärt man sich sonst die fast gallertartige Beweglichkeit der bolivianischen Hüfte?


-         Der Verkehr: Scheinbar völlig durcheinander brettern Autos und Micros durch die Strassen von Santa Cruz. Trotzdem wohnte ich noch nie einem Unfall bei. Wenn es Regeln gibt, so habe ich sie bisher noch nicht erkannt.

-         Die frühe Mutterschaft: Mit Anfang zwanzig schon mehrere Flöhe in die Welt gesetzt zu haben, ist hier nicht ungewöhnlich. Über 200 Kinder im Alter von drei bis fünf in einem 7000-Einwohner-Dorf veranschaulichen, wie viele Kinder hier pro Familie geboren werden. Dabei gibt es hier nicht mal Kindergeld.

-         Meine eigene Blödheit: innerhalb von zwei Monaten habe ich eine Flasche Kontaktlinsenflüssigkeit und einen USB-Stick verloren sowie eine Stirnlampe, einen Ebook-Reader, meinen Rucksack-Reissverschluss und ein Regencape zerstört. Ausser Acht gelassen sind dabei die Klamotten, die ich unwiderbringlich verdreckt habe.

Das Kind



-         Ist zwischen vier und sechs Jahre alt und zwischen knie- und hüfthoch (gemessen am Carolinschen Bein)

-         Spricht bzw. babbelt mittel- bis unverständliches Spanisch; Standardspruch: „X hat mich geschlagen“, wobei die kindliche Stimme zum Ende des Satzes stark ins Weinerliche abdriftet

-         Verfügt über das energetische Niveau eines Elektrizitätswerkes, und zwar vom Krähen des Hahns bis zur Gutenachtgeschichte (und darüber hinaus)

-         Stürzt, springt, rollt und boxt sich um sein Leben; stösst ihn sein Tischnachbar aber versehentlich beim Malen am Arm, bricht es in Tränen aus

-         Sieht in Zahnpasta ein Genussmittel, weswegen es sich mit grosser Freude die leider sehr ungepflegten Beisserchen putzt und dabei das ein oder andere Gramm Zahnpasta extra verzehrt

-         Fischt gerne in seiner Suppe herum, um sich über Fleischstückchen zu wundern und das Gemüse auszusortieren

-         Bittet mit Engelsstimme nach Erlaubnis zum Toilettengang- bei Verneinung rennt es hämisch grinsend trotzdem Richtung Scheisshaus

-         Kann sich über so gut wie alles erfreuen: Das Anschubsen der Schaukel, einen Stups auf die Nase oder einfach eine neue Seite in seinem Arbeitsheft ausmalen zu dürfen

-         Kann tanzen wie Shakira persönlich – wenn es denn möchte (zu den Tanzübungen meist nicht der Fall)

-         Kann sich nicht mit dem Gedanken anfreunden, einen Metallstab in der Augenbraue zu tragen und zeigt das durch seine Mimik deutlich

Santos, immer gerne am Schlägern
Nach einigen Wochen Arbeit mit Kindern hat sich mein Vorsatz, niemals Kinder zu bekommen, verfestigt. Sollte ich diese Meinung jemals zu ändern gedenke, sprecht bitte mit ernster Miene das Wort „Alvaro“ aus. Dieses kleine Schlitzohr verbringt seine Zeit im Kindergarten ausschliesslich damit, genau das Gegenteil von dem zu tun, was von ihm verlangt wird. Soll es etwas ausmalen, kritzelt es um das Arbeitsobjekt herum; soll es tanzen, bohrt es sich in der Nase oder rennt aufs Klo und schlägt die Tür in die Angel. Unter anderem aus diesem Grund arbeite ich momentan lieber im Altersheim, wo Ruhe herrscht und ich mich auch nützlich machen kann.