Dienstag, 23. Februar 2016

Evito - si o no? DIE Entscheidung



Diese Woche war es wieder soweit: Ich saß wortwörtlich im Dunklen. Vielleicht hatte meine Lampe einfach nur ihre Tage, jedenfalls funktionierte sie zwei Tage später wieder einwandfrei. Doch das war nicht das einzige Anzeichen, dass die dunkle Seite der Macht hinter mir her war. Wenige Tage vorher riss meine Hose, meine Mangos waren faulig und im Kindergarten fiel das Wasser aus. Na gut, Letzteres könnte vielleicht damit zu tun haben, dass nach (für deutsche Verhältnisse mäßigem) starken Regen der hiesige Fluss über seine Ufer trat und die Wasserleitungen zerstörte. Das verhalf Comarapa zu landesweitem Ruhm, wurde doch im Fernsehen darüber berichtet! Die Wucht des Wassers nahm wohl auch ein paar Kühe mit und riss eine Brücke ein.
Das eigentliche Ereignis dieser Woche steht aber noch bevor. Was glaubt ihr, was passieren muss, damit ein ganzes Land zwei Tage lang keinen Alkohol konsumieren und spätestens um zwölf, brav wie Schulkinder, in ihrem trauten Heim eintreffen müssen? Richtig, etwas Hochpolitisches. Heute entscheidet sich – denkt euch hier jetzt bitte einen spannungsaufbauenden Trommelwirbel hin-, ob der gute Evo weiterhin im Amt bleiben darf. Genauer gesagt, wird abgestimmt über eine Gesetzesänderung, nach der die Wiederwahl eines Präsidenten beliebig oft möglich ist. Nach einem Misstrauensvotum ist dies schon Evos zweieinhalbste (wie heißt das denn auf Duden-Deutsch?)  Amtszeit; irgendjemand prophezeite, bei einem „Nein“ zur geplanten Gesetzesänderung wandere unser Lieblingsaymara in den Knast.
Spaziert man durch einen beliebigen bolivianischen Weiler, kommt man an dem Thema auch nicht vorbei. Die Wände sind voller Parolen, sowohl für das „Si“ (in schönem, friedlichen Grün) als auch für das rote, etwas aggressiv wirkende „No“. Hier im Departamento Santa Cruz überwiegt Letzteres, die Bevölkerung ist unzufrieden mit der Bevorteilung der Hochlanddepartamentos (La Paz, Potosi…). Schließlich ist Santa Cruz die Kornkammer Boliviens; hier werden Mais, Reis, Früchte, Holz etc. produziert. Eben kam- druckfrisch- die Nachricht herein, dass in Santa Cruz die Wahlzettel ausgegangen sind. Wie bildlich für die bolivianische , na ja, sagen wir „Lockerheit“ ;)

Update 22.02.16: Ob ihr es glaubt oder nicht - mit ca. 51% hat das "NO" gesiegt. Wer haette das gedacht? Alle Prognosen, bis gestern abend um sechs, sprachen fuer ein deutliches "SI". Adios Evo :(
Für uns als außenstehende Nichtwähler mutet das Ganze eher amüsant an- wenn aus „No“-Wandgemälden durch ein paar geschickte Pinselstriche ein „Evo NO te vayas“ (Evo, geh nicht) wird oder wenn Kindern schon kleine „No“-T-Shirts angezogen werden. Auch vor dem Hintergrund, dass Evo mal vor der Weltpresse behauptete, in Deutschland werde so viel Hühnchen gegessen und deshalb seien so viele Menschen homosexuell. Das ist keiner meiner üblichen, nicht zündenden Späße, sondern Realität- und das mit Blick auf die Tatsache, dass Bolivianer sich quasi nur von Hühnchen ernähren, ob gebraten, gegrillt, frittiert, paniert oder in der Suppe. Na gut, lassen wir ihm diese Illusion.
Wandbilder in Sucre- beide Seiten ueberschmieren sich teils gegenseitig- Fotos von Lea Schuetze

Nach wie vor werde ich häufiger „Stefanie“ gerufen oder im Altenheim einfach „chocita“ (Blondie). Dabei bin ich doch fleißig dabei, die Namen der Kinder zu lernen, was bei Kreationen wie „Esnaider“ oder „Dara Iemanya“ kein Zuckerschlecken ist. 

Zum Schluss noch einen Witz:

Treffen sich zwei schöne, reife Rosinen.
Die eine verblüfft zur anderen: „Wieso hast du denn einen Helm auf?“
Die andere, ganz locker: „Na, ich muss heute noch in den Stollen.“

Was ist groß, grau und kann telefonieren?
Ein Telefant.

Was ist klein, pelzig und riecht nach Asphalt?
Ein Teerschweinchen.

Montag, 15. Februar 2016

Mit Hüftschwung zur großen Liebe

Da heute sämtliche soziale Netzwerke voll sind von 1) süßen Liebesschwüren und 2) frustrierten Anti-Valentinstags-Posts, werde ich nun auch meinen Senf zu diesem anscheinend alles dominierenden Thema ab. Das Verhältnis der Geschlechter zueinander kennzeichnet sich im Gegensatz zum europäischen vor allem durch mangelnde Diskretion. Der Vorgang beim Erobern des gewählten Weibchens läuft in etwa so ab:
  1. Fest/Party/Bar besuchen (besonderes Styling beim Männchen nicht nötig, Frau gerne eng, kurz und knallig)
  2. Auswahl scannen, Beratung durch Kumpels
  3. Blickkontakt mit dem gewünschten Exemplar aufnehmen (dieser Schritt kann auch übersprungen werden)
  4. Weibchen auf ein alkoholisches Getränk einladen
  5. Schritt 4 beliebig oft wiederholen
  6. Weibchen zum (Paarungs-) Tanz auffordern, dabei wichtige Daten herausfinden
  7. wenn nötiger Alkoholpegel erreicht, fragen, ob man die Lokalität mal verlassen könne, um „ein bisschen zu reden“
  8. – überlasst eurer Fantasie freien Lauf-

Was hierzu nicht zwingend nötig ist:
  1. Single zu sein
  2. charmant zu sein
  3. nüchtern zu sein
  4. es vorher nicht schon bei drei anderen versucht zu haben

Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass das ganze Verfahren schon seinen Reiz hat. Man lernt nicht nur deutlich schneller und einfacher Menschen kennen, sondern spart sich auch viel emotional belastenden Vor-Firlefanz.
Leider bin ich, wie in vorherigen Posts bereits erwähnt, nicht so der Champ im Paartanz. Das ist aber auch kein Ponyreiten, denn es gibt –unter vielen weiteren-:
  1. Cumbia: entweder drei Schritte nach vorne, Hüfte hoch, wiederholen, oder aber ein für die Waden herausforderndes Stolper-Hink-Hüpfen
  2. Bachata: zwei Schritte zur Seite, Hüfte hoch, wiederholen
  3. Merengue: meiner Meinung nach unkontrolliertes, flottes Umeinander-Herum-Tänzeln
  4. Reggaeton: obszön angehauchtes, sehr körperliches Voreinander-in-die-Hocke-Gehen
  5. Salsa: Keine Ahnung.
-         das Ganze natürlich mit Drehungen und Figuren, da hört es bei mir allerdings auf-


Immer wieder rätsele ich, woher so gut wie alle Südamerikaner bei der entsprechenden Musik sofort wissen, was zu tun ist, und das dann so formvollendet klappt, dass man es für einstudiert halten könnte. Nehmen die Eltern ihre Sprösslinge mit fünf Jahren zur Seite und geben eine Tanzstunde? Auch scheint in den bolivianischen Genen die Voraussetzung für ein Gelee angelegt zu sein, das in den Hüften enthalten ist und diese in geschmeidigster Art kreisen und schwingen lässt. Kann mir das einer von euch beantworten? Werden diese Fragen nicht geklärt, muss ich davon ausgehen, dass ich auf dem neudeutsch „Dancefloor“ einfach der komplette Trottel bin. Über Hinweise wäre ich sehr dankbar. 

Freitag, 12. Februar 2016

Feierei mit Farbe


Anfang Februar. In den Faschingshochburgen Deutschlands schieben sich mehr oder weniger kostümierte Menschenmassen durch meist schneematschige Straßen. Bis auf die Sache mit den eisigen Temperaturen sieht man auf den ersten Blick keinen großen Unterschied zum Karneval in Bolivien.
Den Auftakt machte eine Wasserschlacht im Kindergarten. Irgendwie hatte ich nicht damit gerechnet, daran auch aktiv teilzunehmen; jedoch waren Kinder, Lehrerinnen und sogar die Hermana in ihrer weißen Kluft am Ende so nass, dass man durch Auswringen unserer Kleider locker eine afrikanische Großfamilie hätte ernähren können. Die Frechdächse hatten sich nicht nur mit Spritzpistolen und –rucksäcken ausgestattet, sondern sprühten auch kräftig mit weißem, gut klebrigem Schaum.
Im Altenheim wurden derweil zwei Könige bzw. Königinnen gekrönt und mit Make-Up, BH und Cocktailkleidern so aufgebrezelt, dass ich die Omis kaum erkannte. Unter Luftballons und Luftschlangen gab es Chicha (alkoholisches Maisgetränk) und schwingende Hüften.
Kaum mehr zu erkennen, diese Partyqueens
Nach langen Grübeleien entschied ich mich gegen den traditionellen und weltbekannten Karneval in Oruro, der mir einfach ein paar Kröten zu viel aus dem Portemonnaie gezogen hätte, und feierte mit Pauline und Chrissi in Santa Cruz. Unser Mitfreiwilliger Julius verschaffte uns eine Mitgliedschaft in einer Art Trink-Tanz-Verein, und los ging das Spektakel: Dreieinhalb Tage Musik, Menschen und Modder. Es wurde geschmissen, was das Zeug hält: Kinder und sonstige Spaßvögel beließen es nicht bei obengenanntem Schaum, sondern pfefferten munter Wasserbomben ab und spritzten mit Farbe. Nicht abwaschbar, klar. Mittlerweile sehe ich aus, als hätten ein paar Hippies mit Ganzkörperbatik an mir herumexperimentiert. Auf rätselhafte Weise fanden die Farben ihren Weg durch meine quietschgrüne, sackartige Kutte, die einen jeden Festivalbesucher als solchen kennzeichnet. Gar nicht so leicht, sich darin nicht zu bewegen wie ein plumper Sack.



Nach Karneval versuchte ich, mich mal wieder an die Realität heranzutasten. Dank zehn (!) deutscher Zeitungen, die leicht verspätet in Comarapa ankamen, bin ich jetzt auch grob informiert, was in Deutschland so abgeht – na ja, was im Oktober eben so los war ;) Ein weiteres Dankeschön auch für die Pakete, die mich mit deutschen Süßigkeiten versorgten.
Standardinfo zum Wetter: Santa Cruz heizt sich auf wie ein Spiegelei auf einer Motorhaube im Sommer, die Regenzeit hält sich weitestgehend zurück.
Ich hoffe, euch geht es allen gut, die Studenten sind lebendig aus der Klausurenphase herausgekommen und ihr habt euch an Fasching ordentlich Berliner reingehauen. Wie immer, freue ich mich über Nachrichten auf jeglichem Wege!
Tschö mit Ö, Caro

Den Mundschutz haette ich mir um den Kopf binden sollen 

Mittwoch, 3. Februar 2016

Warum schlafen im Bus so eine Sache ist... und anderes



Ein leicht modriges Müffeln steigt mir ins Näschen, wenn ich meinen Rucksack nach drei Wochen Reisen öffne. Dies verstehe ich als dezenten Hinweis, mal wieder sesshaft zu werden und ein meeting mit dem Waschbecken abzuhalten. Schweren Herzens nehme ich Abschied vom schon fast zum Zuhause gewordenen Sucre, schleppe in höchster Zeitnot meine drei Reisetaschen zum Busterminal und – warte. An der Haltestelle „meiner“ Buslinie herrscht zur Abfahrtszeit gähnende Leere. Die Dame im Busbüro, strotzend vor Kompetenz, behauptet, der Bus fahre eine Stunde später. Nach einem Blick auf die auf meinem Ticket vermerkte Uhrzeit ist sie sicher, der Bus komme gleich. Punkt siebzehn Uhr – eine Stunde zu spät – trudelt das Gefährt ein. Erleichtert falte ich mich in den Sitz. Bis ich gegen zwölf aufwache, weil sich mein fahrender Untersatz weder vor noch zurück bewegt. Aufgrund eines Erdrutsches oder aufgeweichter Straßen, ist mir nicht klar, jedoch drehen die Räder durch. Zweieinhalb Stunden hocken wir im dunklen Bus; für die Passagiere wohl nichts Neues, die Mehrheit schlummert jedenfalls friedlich. Vier Stunden verspätet komme ich im Morgengrauen in La Palizada an, dem Dorf, wo mein Taxi ebenso lang wartete, um mich nach Comarapa zu bringen.
Weil der Kindergarten noch im Sommerschlaf ruht, verbringe ich die nächsten zwei Wochen im Grannie-Palacio. 
Lea & eine menschliche Plastiktuete- bester Schutz gegen ploetzlichen Regen
Wenig später stößt Lea zu mir, eine Mitfreiwillige aus Santa Cruz, und wir haben mit den Opis und Omis eine Menge Spaß. Für große Erheiterung unter Letzteren sorgt das Ballspielen; trotz dem ein oder anderen verpassten oder verschlafenen Fang überrascht mich, mit wie viel Freude die abuelitos dabei sind. Aus einem Spaziergang durchs Dorf wird bei einer Dame eine Shoppingtour, ein Herr reißt aus und verursacht das Ausschwärmen eines Suchtrupps und es wird sich mit Essen beworfen – man denkt gar nicht, was ein Haufen Senioren so alles anstellen kann. 
Lea und ich stiefeln eines heißen Sonntages um sechs Uhr morgens zur Laguna Verde hoch und verlaufen uns bei der Suche nach einem – wie man uns später mitteilte: gar nicht vorhandenen Aussichtspunkt – im Gestrüpp. Eine Mitarbeiterin im Altenheim warnt uns im Nachhinein vor den Löwen und Tigern, die es dort in den Bergen geben soll. Na da haben wir ja noch mal Glück gehabt, dass wir nur fast nicht mehr zurückgefunden hätten und nicht von Raubtieren verspeist wurden ;)

Das nächste Wochenende gehörte Cochabamba: Freitagnacht mit der Flota hin (so voll, dass viele Leute standen- acht Stunden lang!), über den zum Verlaufen großen Markt La Cancha und hoch zur ehemals höchsten Christusstatue der Welt. Wir haben es uns natürlich nicht nehmen lassen, zu Fuß hochzuschnaufen und uns dabei mal wieder ein nettes Färbchen zu holen. Wenn man bis in die Arme des populärsten Mannes der christlichen Geschichte hochsteigt, hat man einen wirklich weitschweifenden Blick über die viertgrößte Stadt Boliviens. 







Quillacollo aus Sicht der Kapelle + Brautpaar + Fotograf
  In Quillacollo, einem Vorort Cochabambas, watschelten wir einen Teil der Strecke, die am Feiertag der Virgen de Urkupina mit selbiger Statue gepilgert wird, und kamen an einer wunderschönen Hügelkapelle an.







Eingang zur Kapelle der Virgen de Urkupina



Pseudo-Goldaltar in der Kirche- und Lea
Am nächsten Morgen wachten wir in unserer Absteige auf und registrierten zuerst: Es regnet. Dennoch besuchten wir das kleine Örtchen Tarata, eine Dreiviertelstunde vor Cochabamba, mit seinen diversen Kirchen. Tarata ist der Geburtsort einiger ehemaliger Präsidenten, von denen einer einen ganzen Landstrich an Brasilien abtrat im Tausch gegen…. Ein Pferd. Zufällig – das gibt’s hier ja so selten- fand gerade ein Dorffest statt und so hockten wir uns mit einem Riesenberg aller möglicher Teile vom Schwein (für mich als Pflanzenfresser eher uninteressant) dazu, tranken Bier und spielten Karten, bis der Regen schwächer wurde. 

Auf der Heimfahrt nach Comarapa machte das Geruckele in der letzten Reihe und ein gegen Ende doch recht frisches Brischen Schlafen eher schwierig. Lea, die von ihrer Reise nach Peru schon größere Komplikationen erlebt hatte – die ganze Nacht vor der peruanischen Grenze zu warten zum Beispiel – nahm das Ganze ziemlich gelassen. Was tut man nicht alles für ein kleines Abenteuer…