Mittwoch, 11. Mai 2016

Frisch, fromm, froehlich

Geschenkkoerbchen fuer die Madels - prall gefuellt mit Suessigkeiten
Was gibt es in Bolivien im Überschuss? Nein, ich spreche nicht von Hühnchen, sondern von kleinen Zweibeinern mit Überschuss an Lebensenergie- den Kindern. Wie so ziemlich alles hier, müssen die auch mal so richtig gefeiert werden. Am 12. April, dem Tag des Kindes, putzten sich die Zwerge also raus, um im Kindergarten mal so richtig die Sau rauszulassen. Auf dem Sportplatz wurde Laufsteg gelaufen, um die Wette gerannt, ausgelassen getanzt und gespielt. 

Was macht den Tag für ein Kind perfekt? Genau – Zucker! Den gab es kiloweise: Als Erfrischungsgetränk, Erdbeerjogurt, Kakaomilch, Sahnetorte und in als Süßigkeiten in den selbst gebastelten Geschenkkörbchen. Als die Kinder – das Gefühlsspektrum reichte von glücklich bis Erbrechen nach einer Überdosis Zucker- abgeholt wurden, schnaufte das Personal erstmal auf. Die vorherigen Tage hatten wir Körbchen gebastelt, Torte gebacken, dekoriert und nicht zuletzt etwa 280 Bälle aufgepumpt. Dennoch war es ein super Tag, was möglicherweise mitunter an meinem stark erhöhten Zuckerspiegel lag.

Ein paar Tage später wachte ich auf und spürte, dass irgendetwas anders war als sonst. Eine Gänsehaut überzog meine Arme und der Magnet in meinem Bett sog noch stärker als sonst an mir. Über Nacht hatte in Bolivien tatsächlich der Winter Einzug gehalten und hatte die comarapenos in bibbernde Eiszapfen verwandelt. Die Kinder wurden wegen der Kälte früher aus dem Kindergarten heimgeschickt, Daunenjacken und Handschuhe hervorgekramt und der Tempo-Taschentücherverkauf wurde zur ertragreichsten Einnahmequelle. Es wurde gerotzt, was das Zeug hält, und obwohl die Hälfte der Knirpse aufgrund von Krankheit fehlte, konnte man in den Klassenzimmern förmlich Bazillen aus der Luft fischen.
Paradies in den Bergen - Nationalpark Amboro bei Samaipata

Auch hier wird am ersten Mai die Arbeit mit Nicht-Arbeiten (Ironie?) gefeiert. Wenn dieser Feiertag auf einen Sonntag fällt, wird er –schwupps!- ganz einfach auf den Montag verschoben. Klasse Idee, oder? Könnte man in Deutschland auch mal anregen. Das verlängerte Wochenende nutzte ich für einen Ausflug in mein Lieblingsdorf Samaipata, eine drei Stunden entfernte, in einem wunderschönen Nationalpark gelegene Oase der Hippiekultur. Durch den Nationalpark Amboro stapften Chrissi und ich am Sonntag, wobei wir  mit unserer Führerin Ines herrlich über den bolivianischen Machismus herzogen. Von Ausgangssperren für die Ehefrau bis zur hauptsächlich männlichen Fremdgeh-Manier ist hier schließlich alles erlaubt.
Zwei Kilometer von Samaipata entfernt betreibt ein Schweizer eine Tierauffangstation, in der neben frei herumlaufenden Äffchen auch Ratten, Schildkröten, Adler und ein Leopard leben. Die Station wird von Freiwilligen aus aller Welt betrieben, die Gehege sind groß und gut ausgestattet. Ein Äffchen auf seinen Schultern sitzen zu haben, das einem ins Ohr schmatzt und im Gesicht rumfuhrwerkt, ist ein wirklich erheiterndes Erlebnis.

















So tröpfelt das Leben vor sich hin, meine Liebe für Käsegebäck entwickelt sich gerade zur Sucht und wird nur von meinem Obstsalatkonsum übertroffen.
Ich hoffe, bei euch ist jetzt Frühling und ihr habt schon das erste Eis gegessen.

Grüße aus der Stadt des Windes und bis bald!


Ab in die Steinzeit


Auf Vieles kann der Mensch verzichten. Auf ein Auto, ein Fernseher, ein großer Teil der Menschheit auch auf Fellstiefeletten von Gucci, einige mir rätselhafte Wesen auf Süßigkeiten. Wenn aber Ressourcen, auf die der Mensch zur Bewältigung seines Alltags angewiesen ist, ausfallen – wie Wasser und Strom- ausfallen, gerate ich an die Grenzen meiner Sammlung an Überlebenstricks.
Wie fändet ihr es, mit Stirnlampe auf dem fettigen Haupthaar eine Toilette zu besuchen, auf die die Bezeichnung Kloake deutlich besser passen würde?
Dieses bittere Schicksal ereilte Anton und mich Ende März und gab uns Gelegenheit, kritisch über unseren Wasserverbrauch und unsere Handynutzung zu reflektieren. Oder besser gesagt: ein wenig zu verzweifeln.
Eines Dienstagabends fiel plötzlich der Strom im ganzen Dorf – korrigiere, liebe comarapenos, in der ganzen Stadt- aus und wir hockten mit meinen an Minenarbeiter erinnernden Stirnlampen im Dunkeln. Anfangs mag das ja noch ganz lustig sein, man regt sich künstlich über den schwindenden Handyakku auf. An Tag vier ruft ein dunkler, lauwarmer und unter Wasser stehender Kühlschrank mit sauer werdender Milch auch bei mir Sauerkeit hervor. Insbesondere, wenn wir nach einer Weile feststellen, dass das Schwesternhaus und das unsrige mittlerweile die Einzigen aus dem Stromnetz Ausgeschlossenen waren, was an einem speziellen Transformator im Konvent lag.

Ganz besonders spaßig wurde das Ganze, als –Juchuu!- auch noch die Wasserversorgung streikte. Ja, wir verbrauchen zu viel Wasser, aber ein morgendliches Tässchen Kaffee muss doch noch drin sein, oder? Zum Glück währt kein Übel ewig und so floss nach ein paar Tagen zumindest der Strom wieder. Nach einiger Zeit Stinken und Dürsten wollte ich beim Tropfen des Wasserhahnes schon in einen Hallelujah-Gesang (diese Verkirchlichung im Kindergarten setzt mir echt zu) ausbrechen, bis ich mir die austretende Flüssigkeit mal genauer ansah: Das „Wasser“ war eine trübe, sandbraune und verschlammte Angelegenheit. 

Mit dieser Matschbrühe spülten, duschten und kochten wir also die nächsten Wochen. Der Tee war nur noch eine traurige Version seiner selbst. Als wir uns schon ganz gut daran gewöhnt und den Geschmack reinen Wassers fast vergessen hatten,  klärte sich die Situation (ouh, schlechter Wortwitz) . Reines, klares Wasser floss in Strömen. Ein paradiesischer Anblick.