Mittwoch, 29. Juni 2016

Zum Wein(en)

Dieser Genuss, wenn ein edler Tropfen den Rachen hinunterrollt wie fluessiges Gold. Der fruchtig-herbe Nachklang, der Aromen von weissfleischigem Pfirsich mit bittersuessem Zimt vereint...
Habt ihr jemals solche Sinesfreuden verspuert? Ich auch nicht. Wein liess mich bisher noch nie in himmlischen Sphaeren schweben, sondern schwebte meistens in meinen Kopf hinauf, wo er mir am naechsten Tag ein sanftes, aber bestaendiges Pochen verursachte. Aber man soll ja offen sein fuer Neues, und so machte ich mich von Cochabamba auf die 15 stuendige Reise nach Tarija, das drei Stunden von der argentinischen Grenze entfernt im Sueden Boliviens liegt und fuer seinen guten Wein beruehmt ist. Bei der Ankunft taute ich erstmal mein Eisbein auf, damit mich dieses auf der Suche nach einem Hostel durch Tarijas Zentrum tragen konnte. Ich passierte eine Parade mit Humpa Humpa und Taeterae, bevor ich endlich mein Ziel und dort Chrissi fand.
Zusammen durchlatschten wir Tarija, das durch absolute Sauberkeit (koi Bombobabbierle weit und breit) und wunderschoene Villen glaenzt. Dass es hier in etwa so viel Geld wie Weintrauben gibt, zeigten zahlreiche Plazas und zwei schmucke Aussichtsplaetze (einer in Form eines Weinglases, sie koennen es nicht lassen).
Am zweiten Tag liessen wir uns ins Umland zu einer Winzerei fahren, um uns die Produktion des famosen Traubensaeftchens erklaeren zu lassen. Als man uns ein Schlueckchen der Kostbarkeiten anbot, wechselten wir hilflose Blicke: Weder war uns der Unterschied zwischen Merlot und Sauvignon vertraut noch, wie man ein Weinglas ueberhaupt haelt :). Unser eigentliches Interesse galt aber sowieso dem Tapasteller vor uns (richtiger Kaese!). Den Singani, Boliviens Nationalspirituose, kippten wir mit derartiger Gesichtsgymnastik hinunter, dass selbst eine von meinen halb-blinden Omis unsere Abscheu erkannt haette. Genuss ist anders. Auch die klebrig suessen Fruchtweine in der Casa Vieja, der beliebtesten Spelunke rund um Tarija, sagten unseren geschulten Gaumen (haha) nicht zu. Auch wenn ich meinem geliebten Hopfensaft immer die Treue halten werde - die Landschaft und der Schwips waren's wert.
Spaeter trafen wir uns mit unserer Mitfreiwilligen Duygu, die in den entlegeneren Provinzen ein Projekt vorantreibt, dass sich um den Schulbesuch der Kinder aus den Doerfern kuemmert. Genau dorthin nahm sie uns auch am Tag darauf mit: Im Hochland auf knapp 4000 Metern, zwei Stunden von Tarija-Stadt entfernt, stapften wir vier Stunden ueber Duenen und an einer glitzernd blauen Lagune voller Flamingos vorbei. Wieder einmal haute uns die Schoenheit Boliviens um.
Auf der Rueckfahrt platzte ein Reifen, was Duygu nur mit einem Schulterzucken quittierte. Alltag hier.
Es war Mittsommernacht (San Juan oder Johannisnacht), und wir taperten feierlustig umher, im Visier: Irgendeine Form von Festivitaet. Wir haetten sogar Schuhplattler getanzt, aber- Fehlanzeige. Entweder schnarchte Tarija schon tief und fest oder wir hatten den Hotspot verpasst. Jedenfalls endeten wir in einem deutschen Restaurant, das zwar ueber einen faehigen DJ verfuegte, jedoch nicht ueber Publikum und auch kein deutsches Bier. Inmitten von Anwaelten in Anzuegen tranken wir es uns lustig und tanzten gegen halb vier heim. Ja, wir tanzten.
Entsprechend ausgeschlafen schoben wir uns am Freitag nach San Lorenzo, ein naheglegenes Dorf voller weisser Kolonialhaeuser, das fuer sein Gebaeck bekannt ist. Wir besuchten ein Museum, von dem wir nachher nicht mehr sagen konnten, worum es sich drehte, und sassen die restliche Zeit futternd herum.
Dann packte ich mich auch schon in den Bus nach Santa Cruz, den Chrissi nach all den Schauergeschichten, die man uns ueber die Strecke erzaehlt hatte, geflissentlich mied. Ich war zu geizig fuer einen Flug und nahm ein bisschen Geruckele oder eventuell das Umkippen des Busses (haha) in Kauf. Nichts von alledem passierte: Ich legte mich aufs Ohr und schlummerte bis zur Ankunft selig. In Santa Cruz verirrte ich mich mal wieder im Micro-Chaos und dueste stundenlang unnuetz herum. Aber alles halb so wild, wenn man Urlaub hat!

Ich hoffe, auch ihr konntet ausfliegen oder bratet in der deutschen Sonne! Habe irgendwo etwas fluestern gehoert, dass in Europa gerade irgendwas mit Fussball ist...? Stimmt das?

Montag, 27. Juni 2016

Ausflug in die Natur oder: das große Speien

Fährt einer in die Ferne
Und isst dazu noch gerne
Geht’s ihm mit etwas Pech
Gelegentlich mal schlecht.

So holperten meine Mitfreiwillige Lea aus Santa Cruz und ich eines sonnigen Samstagmorgens von Cochabamba ins vier Stunden entfernte Bergdörfchen Toro Toro. Wir waren hungrig nach neuen Abenteuern, nach Schluchten und Wasserfällen und dem Duft der Wildnis. Statt Wohlgeruch zog uns beim Ankommen eisige Kälte unter den Pelz, das Dorf war ein von jeglichem Empfang abgeschnittener  Fleck inmitten einer virtuell vernetzten Welt, und meine geliebten Karotten konnte ich auch nicht finden. Dafür wartete das 300-Einwohner-Kaff mit nächtlicher Unterhaltung auf: Ein junger Mitbürger, der am UN-Einsatz im Kongo teilgenommen hatte, feierte die Rückkehr in seine Heimat und hatte glatt das ganze Dorf eingeladen. Touris included. Nach vielen Ehrungen und noch mehr Chicha (Maisbier) legte die extra eingeflogene Band aus Argentinien los und Lea schwang das Tanzbein. Letzteres drohte mir abzufrieren, weswegen ich mein Bett einem lustigen Tänzchen vorzog.
Mein Schlaf wurde jäh unterbrochen, als jemand neben mir nach Ulf rief – wenn ihr wisst, was ich meine. Wie sich am nächsten Tag, nachdem Lea ihren Mageninhalt in feinen Portiönchen komplett entleert hatte, herausstellte, hatte sie sich gründlich den Magen verdorben.
Am Sonntag früh brachen wir mit Führer und einer Gruppe Bolivianer auf und fuhren in die Berge des Nationalparks Toro Toro hinauf. Hier hatte vor etwa 500 Jahren ein Volk Höhlen entdeckt, in denen sie geschützt vor Wind und Kälte leben konnten. Wo früher Meer gewesen war, hatte das Wasser die Sandsteinfelsen ausgehöhlt. Was ich für rote Flecken hielt, waren von  Menschen hinterlassene Malereien. Lea hatten wir auf halber Strecke zurücklassen müssen. Friedlich schlummernd holten wir sie auf dem Rückweg wieder ab.



Wieso denn nur spazieren,
wenn man auch kraxeln kann?
So auf allen Vieren
Fängt der Spaß erst an!
Oder so wie ich
Macht man sich fast ins Hemde
Bekreuzigt sich
und denkt an sein sicheres Ende.

Leider habe ich keine Fotos, aber so in etwa kraxelten wir herum
Foto: www.la-razon.com
Der zweite Teil des Ausflugs ging in eine Tropfsteinhöhle hinab. Wer an Treppen und Geländer denkt, irrt sich – der Bolivianer klettert die Steine hinunter. So schön die Stalagmiten und –titen auch anzusehen waren – ich hätte sie lieber ohne Angst um mein Leben bewundert. Wir falteten uns zusammen, um in Spalte zu kriechen, in die man mit einer Schokotorte zu viel im Bauch nicht hineinkommt. Unter der Erde war eine ganz eigene Welt entstanden, mit Höhlen, Tunneln und einem See mit blinden Fischen (ich weiß, die gibt es in humaner Erscheinung auch über der Erde). Ich dankte mal wieder einem Gott, zu dem ich an diesem Tag starkes Vertrauen entwickelt hatte.

Schließlich schleifte ich die arme Lea ins Dorfkrankenhaus, wo sie Antibiotika und einen fiebersenkenden Pieks in den Po bekam. Nach 13 Stunden Schlaf weckte ich Dornröschen am nächsten Morgen aus dem Koma. Ein weiterer Ausflug kam nicht infrage, die Rückfahrgelegenheiten nach Cochabamba ließen auf sich warten und so hockten wir bis zwölf auf der Dorfplaza und spielten Karten.

Isst du mal aus Verseh‘n
Ne Bakterie oder zwei
Solltest du nicht wandern geh’n

Hab stets ne Tüte dabei!

Mittwoch, 15. Juni 2016

Ein altes Geburtstagskind in Feierlaune


Alle Jahre wieder fiebert jeder Einzelne von uns auf einen Tag hin, einen ganz bestimmten, einen von 365, an dem wir uns selbst mal so richtig feiern dürfen. So putzte sich auch Comarapa, wenn auch schon ein paar Krautherbste älter als die meisten von uns, zu seinem 401. Geburtstag heraus. Tage vorher zogen wir schon mit den Kindern und einer großen Plastiktüte durch die Straßen rund um die Plaza, um sie von Müll zu befreien. Unermüdlich marschierten wir im Garten des Kindergartens im Kreis, um für die große Parade zu üben. Am Freitag, dem Vorabend des Jubiläums, zogen Scharen von comarapenos und „Auswärtigen“ durch die Straße vor dem Coliseo. Die Zuständigen hatten nicht geknausert und eine richtige kleine Kirmes aufgefahren: ein klappriges Riesenrad ohne jegliche Sicherheitsvorkehrungen, eine klapprige Raupe, die ratternd einen Kreis von drei Metern Durchmesser abfuhr, diverse Glücksspiele mit verschwindend geringer Gewinnwahrscheinlichkeit und eine ganze Latte Tischkicker. Sucumbe, heiße Milch mit Singani und Zimt, vertrieb die Kälte und bei so manchem auch die Hemmungen. Hier vergnügte sich das Jungvolk, bis die Zeremonie im coliseo begann. Mit obligatorischer bolivianischer Verspätung haute kurz vor Mitternacht die Band in die Saiten und auf die Pauke und die Menschen stürmten wie die Wilden auf die Tanzfläche. Mit Kontrabass und Charango wurde Folklore gespielt, bis zu späterer Stunde und gestiegenem Alkoholpegel – von den Veranstaltern gut kalkuliert – ein Schnulzballadensänger das Mikrofon übernahm. Da wurde es mir irgendwie zu schleimig.
Pünktlich halb neun schlug ich am Samstagmorgen, 11. Juni, dem Tag der Tage, am vereinbarten Treffpunkt zum Umzug auf. Was fand ich vor? Ein gähnendes Kindergartenpersonal. Keine Kinder weit und breit. Findet den Fehler! Nein, ich befand mich weder am falschen Ort noch hatte ich mich im Tag vertan. Es schien nur schlichtweg jeder außer mir zu wissen, dass das Spektakel niemals um 8.30 starten würde. Bolivianische Zeitangaben sind ungefähr so verlässlich wie die Deutsche Bahn. So standen wir uns mit den erstaunlich geduldigen Pimpfen drei Stunden lang die Beine in den Bauch, bis die Herren Hochwürden ihre Reden beendet hatten, um dann in Uniform zu Marschmusik einmal um die Plaza zu latschen. Dauer: etwa zwei Minuten. Zu beachten war dabei, nicht von den aufgemalten Linien auf dem Boden abzuweichen und möglichst wichtig dreinzuschauen.
In meinem verpennt-hungrigen Zustand drückte mir das bolivianische Fernsehen noch ein Interview aufs Auge, in dem ich vor lauter Aufregung die Fragen nicht verstand und entsprechenden Sondermüll faselte. In meiner Geistesabwesenheit meinte ich zum Schluss noch, Comarapa sei aus meiner Sicht kein besonders attraktives Touristenziel. Dass der Bürgermeister mich nicht sofort höchstpersönlich aus seinem Dorf verbannt hat, ist mir ein Rätsel. Ich kann einfach nicht lügen. Vielleicht sollte ich die nächsten Tage mal ein wenig inkognito bleiben.
Den Samstagabend verbrachten wir mit Tischkickern (nur eine meiner vielen Stärken ;) ) und Bier trinken. Exklusiv für dieses landesweit bekannte Event war mein Mitfreiwilliger Anton angereist und machte sich gleich mal ein paar der hiesigen Mädels klar. Auf dem Markt spielte Comarapas berühmteste Band und die Karaoke platzte aus allen Nähten.
Nach einer langen Nacht und einem entsprechend verdösten Tag setzten wir am Sonntagabend zu einer letzten Runde Tischkicker an, bei der meine Mitfreiwillige Lea aus Santa Cruz uns alle gnadenlos abzog.

Fazit des Wochenendes: Comarapa kann wirklich was reißen! Wer hätte das gedacht?

Samstag, 4. Juni 2016

Bewegung in meinem verschnarchten Leben

Mit der Mutter ist das ja so eine Sache - kommt man auf die Welt, haengt man buchstaeblich an ihr dran. Mit beginnender Pubertaet mausert sie sich langsam zur Reinkarnation der Nervensaege und Besserwisserin. Ist man aus der kritischen Phase heraus, schaetzt man genau diese Fuersorglichkeit und die "oh-mann-wie-ueberfluessigen" Ratschlaege wieder. Als meine Mutter nebenbei anmerkte, mein Zimmer sei nicht wirklich eine Oase der Reinlichkeit, traf mich das mehr, als es das noch vor ein paar Jahren getan haette.
Caporales- ein Folklore-Tanz, bei dem die Maenner
Glocken an den Stiefeln tragen
Monatelang hatte ich mich gefreut, und schliesslich stand sie leibhaftig und schwer bepackt vor mir. Ja, ich gebe es zu, die von ihr mitgebrachte Schokolade mag einen kleinen Teil meiner Wiedersehensfreude ausgemacht haben ;) Nach zwei Wochen Sightseeing in Bolivien schleifte ich mein Muttertier in mein zur Heimat gewordenes Kleinoed, ging mit ihr Pique Macho alias den Fleischberg des Teufels essen und genoss das euch sicher allen bekannte, alles uebertreffende selbst gekochte Essen einer richtigen Mama. Im Kindergarten freundete sie sich direkt mit den Stupsnasen an und heimste haufenweise Komplimente von den Mitarbeiterinnen fuer ihr Aussehen ein. Mit offenen Muendern verfolgten wir das anlaesslich des bevorstehenden Muttertags stattfindende mitreissende Tanzfestival.

Als die Pimpfe aus dem Kinder in neonfarbenen Mini-Trachten zu Tinku, Potosis traditionellem Tanz, auf und ab huepften, war ich mit einer Menge Muetter ganz schoen stolz. Die Proben waren manchmal ein nervlicher Zehnkampf gewesen: Eine 40 Kind starke Mannschaft herumtollender Flummis in Reihen und Kreise zu manoevrieren, erforderte neben schrillen Trillerpfiffen den ein oder anderen Schweisstropfen. Wie sie da unter ihren mit bunten Baendern behaengten Hueten hervorgrinsten und stolz ihre Haxen schwangen, das sah schon sehr niedlich aus.

Meine liebe Erzeugerin loeste sich mit dem naechsten Besuch ab - nach Monaten toter Hose war mal richtig Halligalli hier- und meine Schulfreundin Nora schlug in Santa Cruz auf. Knapp drei Monate war sie durch Suedamerika gereist, hatte Nationalparks, Metropolen und Dschungel gesehen.


Zusammen mit Astrid, einer hollandischen Rucksackreisenden, duesten wir nach Brasilien, um im Pantanal, einer Art Sumpfgebiet, drei Tage Tiere aufzuschnueffeln. Irgendwie hatte ich es beim Packen fuer nicht wichtig befunden, meinen Reisepass mitzunehmen, und so stand ich mit meinem bolivianischen Ausweis an der Grenze und hoerte mir Noras Ruegen an. Klappte alles trotzdem gut, auch, sich am Schalter zum Zahlen der Einreisegebuehr vorbeizuschleichen. Auf einem Nachtspaziergang und einer Wanderung durch die Suempfe (haengst du einmal dick im Schlick, koennen deine Waden baden) erspaehten wir Warzenschweine, Eisvoegel, Affen und eine rote Schlange. Als wir auf dem Boot zum Piranhafischen rausfuhren, hatte ich die Hoffnung schon fast aufgegeben, nachdem ich die Koeder buchstaeblich an die Fische verfuettert, aber keinen einzigen an der Angel gehabt hatte, als Nora ploetzlich ein zappelndes Exemplar am Haken hatte. Da staunte sogar Alan, der gelangweilt im flachen Wasser herumduempelnde Kaiman.
Abends am Lagerfeuer bot unser Guide uns etwas von seinem beruehmten cachaca (Zuckerrohrschnaps) an. Euch ist dieser vermutlich aus dem caipirinha mit Limettensaft und Zucker bekannt. Wir jedenfalls bekamen dieses Teufelsgesoeff in Begleitung von nur ein paar Limetten serviert. Was das fuer eine Schnapsidee (Achtung, Wortwitz!) war, merkte ich am naechsten Morgen. Mein Kopf war schwerer als jedes Warzenschwein, und ich haette in dem schwankenden Boot am liebsten ueber die Rehling gespien. So kurierte ich mein Kaeterchen nachmittags auf der vierstuendigen Fahrt nach Bonito, einer kleinen Stadt weiter im Sueden, aus. Dort fanden wir ein super fancy - oder auf anstaendigem Deutsch luxurioes ausgestattetes - Hostel und den nicht minder krassen Supermarkt. Wir deckten uns gleich mit allerlei in Bolivien nicht erhaeltlichen Guetern (Kaese! Richtiger Kaese!) ein und veranstalteten ein seltsames Abendessen mit Tomatensosse, Kaesegebaeck und Schokolade. Wir entschieden uns fuer einen Schnorchelausflug am naechsten Tag. Schon Stunden vorher bibberte ich beim Gedanken an den kalten Fluss, der uns erwartete. Der deutschsprachige Fuehrer aus Nurnberg steckte uns in Neoprenanzuege und schickte uns in den Fluss. Tatsaechlich fror mir nichts ab! Fische schwammen ein paar Zentimeter an mir vorbei, Wasserpflanzen neigten sich in der Stroemung und Quellen blubberten vor sich hin. Unter Wasser herrschte solch eine Ruhe und Langsamkeit, dass man vergass, dass es noch eine geraeuschvolle Welt ueber Wasser gab. Nora, in ihrer offenen Backpackerart, verabredete sich mit ein paar Englaendern und so gingen wir im einzigen Pub Bonitos brasilianisches Bier trinken. Von cachacas liessen Astrid und ich geflissentlich die Finger. Nora verewigte uns mit unseren Namen und einer etwas abenteuerlich daherkommenden Brezel an der Wand, bevor wir am naechsten Tag abfuhren: Sie und Astrid 20 Stunden zu den Iguazu-Faellen im Sueden Brasiliens, ich mit drei anderen Freiwilligen zurueck nach Santa Cruz.
An der Grenze zu Bolivien beschlich mich ein bisschen Muffensausen. Der Grenzbeamte sprach jedoch deutsch (was dort irgendwie verbreiteter ist als Spanisch, jedenfalls verstand mich keiner, wenn ich es damit versuchte) und als er meine mit Dummheit kombinierte Verzweiflung realisierte, winkte er mich auch ohne Ausreisestempel in meinem nicht vorhandenen Pass durch. So weit, so gut, back in Bolivia. Was in Erinnerung bleibt aus Brasilien: die unfassbar westlich aufgebauten Staedte mit Einkaufsmalls; nie endende Strassen, an denen meilenweit kein Haus auftaucht; das Portugiesisch, das einerseits wie glattgebuegeltes Spanisch und andererseits wie eine komplett fremde Sprache anmutet; leckeres Gebaeck, Schokolade und Bohnen mit leckerer salziger Sosse. Definitiv moechte ich auf diesen riesigen Flecken Erde zurueckkehren.